Spiel und Spielzeug
Sieben oder acht Jahre des Sichbewegens und Spielens sind notwendig, um einem Kind die sensomotorische Fähigkeit zu vermitteln, die als Grundlage für seine intellektuelle, soziale und persönliche Entwicklung dienen kann.
Jean Ayres, Bausteine der kindlichen Entwicklung
Das Kind will mit allen Sinnen erleben, sich mit dem ganzen Körper bewegen, mit Händen und Füßen tätig sein, seine Umwelt ergreifen, begreifen. Die schönsten Spiele entstehen dort, wo es "nichts" zum Spielen gibt, es aber sinnlich stark angeregt wird, z.B. in der Natur. Am Strand mit Wasser, Sand und Muscheln wird endlos Sandgebäck fabriziert, werden Sandburgen gebaut oder Muschelsuppe gekocht, im Kaufladen gibt es verschiedene Muscheln, Steine und Algen zu kaufen. Oder im Wald, wo aus Ästen und Stöcken Zelte und Hütten wachsen, wo aus Rinden, Moos und Blumen kleine Schiffe entstehen, wo man Versteck spielen kann.
Im Waldorfkindergarten haben wir schon durch die Auswahl der Spielmaterialien eine vielfältige Sinnesanregung. Das kleine Kind reagiert unmittelbar körperlich und gefühlsmäßig auf alle Sinneseindrücke, nicht über den Verstand. Ein komplexer Sinneseindruck, der viele Qualitäten aufweist, führt zu einer differenzierten Vernetzung im Gehirn, wobei auch die Gefühle beteiligt sind. Dies ist für die späteren kognitiven und sozialen Fähigkeiten von großer Bedeutung.
Im Freispiel darf (soll) ein schöpferisches Chaos entstehen, da Phantasie Freiräume und Anregung durch das Zufällige braucht. Nichts ist ausgestaltet, alles kann sich von einem Augenblick zum nächsten verändern: ein Stückchen Holz, gerade noch als Bügeleisen drin-gend benötigt, wird zum Telefon. Das kleine Kind wird noch vollkommen durch das vorhandene Spielmaterial angeregt, die "großen" Kinder haben bereits eigene Ideen und Vor-stellungen und suchen sich ihre Materialien zusammen und die mittleren entdecken die Rollenspiele. In der Spielentwicklung durchlaufen auch die Phantasiekräfte eine Metamorphose. Wenn sie gepflegt werden und sich entwickeln dürfen, bilden sie später die Grundlage für kreatives lebendiges Denken.
Alle Spielzeuge, welche nur aus toten mathematischen Formen bestehen, wirken verödend und ertötend auf die Bildungskräfte des Kindes, dagegen wirkt in der richtigen Art alles, was die Vorstellung des Lebendigen erregt.
Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte des Geisteswissenschaft
Das Spielzeug im Waldorfkindergarten ist schnell aufgezählt, denn es handelt sich in der Regel um einfache Gegenstände, die die Phantasie der Kinder anregen sollen und deshalb sehr einfach gestaltet sind. Es gibt Tücher, Bretter, Holzklötze, Körbe, Muscheln, Kastanien, Obstkerne, Eicheln, Steine, Tannenzapfen, ein paar gestrickte oder geschnitzte Tiere, einige einfache Stoffpuppen, eine Einrichtung für die Puppenstube, Nadel, Faden, Wolle, Spieleständer, Stühle und Tische. Dies ist sozusagen das "Urmaterial", aus dem man fast alles herstellen kann.
Der Tannenzapfen dient z.B. als Baum in einem Puppentheaterspiel, oder als Spritze beim Arzt, als Gemüse im Kaufladen und als Reiseproviant für unterwegs. Spieltücher finden ihre Verwendung für Verkleidungen aller Art, Häuserwände und –eingänge, Verbände für Kranke, als Fallschirm, als Kissen, als Decke, eine Zeitung kann durch sorgfältiges Falten hergestellt werden oder ein neues Puppenkind entsteht durch fünf Knoten im Tuch. Selbst ein Christkind wurde in der Weihnachtszeit aus solch einem Tuch hergestellt und von den Kindern mit einer rührenden Ehrfurcht im Krippenspiel betreut.
Die Sinne der Kinder sollen möglichst vielfältig angesprochen werden. Das Kind erlebt den unterschiedlichen Sinneseindruck, wenn es einen Stein in die Hand nimmt, die Kühle, Schwere und Glätte spürt, oder einen Tannenzapfen, der viel wärmer ist, aber keine geschlossene Oberfläche hat, der rauh ist und vielleicht noch ein bißchen nach Wald riecht. Die Kastanien liegen von ihrer Qualität her dazwischen, sind glatt und rund wie der Stein, aber nicht so kalt und schwer. Die Muscheln erinnern an den Urlaub am Meer, man kann die verschiedenen Formen betrachten und mit den Fingern nachfahren.
Die Bauklötze aus Ast-stücken sind alle unterschiedlich breit und hoch, manche sind auch etwas schief oder haben ein kleines Astloch an der Seite. Es ist schon schwierig, da das richtige Gleichgewicht zu finden. Aber sie sind vielfältig zu gebrauchen, ein Aststück hat eine Gabel und kann als Tor oder Brunnen dienen, ein anderes sieht aus wie ein Auto, kann aber auch als Telefon dienen.









