Kommunizieren mit kleinen Kindern

Über die Bedeutung von Sprache

Hinweis: Der Artikel ist in der Herbstausgabe (03/2025) der Zeitschrift »Erziehungskunst frühe Kindheit« erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.

Sprache bestimmt unseren Alltag. Mit ihr drücken wir aus, wie es uns geht, was wir uns wünschen und wie wir in Beziehung treten. Sie kann ein wunderbares «Instrument» der Liebe sein, aber auch der Gewalt und Geringschätzung. Im Umgang mit Kindern hat sie eine elementare Bedeutung.

Sprache braucht Klarheit und einen Rahmen

«Was willst Du heute Abend essen?», «Was willst Du anziehen?», «Wohin sollen wir in den Urlaub fahren?», «Was sollen wir heute Nachmittag machen?»

Je jünger ein Kind ist, desto mehr überfordern wir es mit solchen offenen Fragen. Natürlich ist es wichtig, Kinder ernst zu nehmen, sie zu fragen und in manche Entscheidungen mit einzubeziehen. Gleichzeitig leben kleine Kinder noch ganz im Moment und es fällt ihnen schwer, die Folgen ihrer Entscheidungen abzusehen. Viel einfacher ist es für Kinder in jungen Jahren, auf geschlossene Fragen zu antworten. «Willst du das rote Kleid oder die grüne Hose anziehen?», «Magst Du lieber Käse oder Aufstrich auf deinem Brot?» Damit legen die Erwachsenen den Raum, die Optionen fest und Kinder können einfacher entscheiden, was sie möchten.

Entscheidungen treffen: offene Fragen stellen oder benennen, was gewünscht wird

Auch auf Spielplätzen erlebe ich oft Erwachsene, die ihre Kinder fragen: «Sollen wir jetzt nach Hause gehen?» Die Frage ist vollkommen in Ordnung, wenn die Erwachsenen es wirklich dem Kind überlassen wollen, zu welchem Zeitpunkt nach Hause gegangen wird. Für viele junge Kinder ist es hilfreicher, wenn die Erwachsenen den Rahmen festlegen. Oft ist es so, dass die Erwachsenen gerne gehen möchten, aber sich nicht «trauen», es ihren Kindern mitzuteilen. Stattdessen wollen sie es ihren Kindern «recht machen», damit sich diese auf keinen Fall übergangen oder bevormundet fühlen. Leider nehmen sie so weder sich selbst noch ihr Kind ernst.

Sich selbst ernst nehmen und die Verantwortung in der Gestaltung des Familienalltags zu übernehmen bedeutet, dass Erwachsene ihre Wünsche konkret benennen und äußern: «Ich will jetzt gerne gehen», anstatt die Entscheidung den Kindern zu überlassen. Es ist nicht die Aufgabe der Kinder, die Uhrzeit im Blick zu behalten oder die Aufgaben, die noch anstehen, in den Blick zu nehmen, wie z.B. das Abendessen zu richten… Kinder entscheiden sich aus ihrem aktuellen Impuls heraus – und das ist gut so. Gleichzeitig erlebt ein Kind, dass die Frage: «Gehen wir nach Hause?», mit «nein!» beantwortet hat, womöglich den auftretenden Unmut der Erwachsenen, die sich ärgern, weil sie «eigentlich» nach Hause gehen möchten. Kinder nehmen Erwachsene ernst und sind verwirrt, wenn deren Sprache nicht identisch ist mit dem, wie sich Erwachsene verhalten und dem was sie eigentlich wollen.

Viele Eltern versuchen alles richtig zu machen und ganz auf die Gefühle und die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Sie befragen sie bei allen Entscheidungen und richten sich ganz nach deren Bedürfnissen. Dabei vergessen sie, dass es für eine gute und intensive Beziehung beides braucht: sowohl das Sehen (was nicht gleichgesetzt werden darf mit dem Erfüllen aller Wünsche) des Kindes als auch das «Sich-selbst-in-die-Beziehung-Hineinstellen» mit den eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Werten. «Mir ist es wichtig, dass wir gemeinsam beim Essen sitzen» oder «Ich will, dass Du vorsichtig mit deinem kleinen Bruder umgehst.» Nur so kann eine Beziehung gelingen. Kinder sind darauf angewiesen, dass wir als Erwachsene für uns selbst eintreten, weil sie nur dann lernen, für sich selbst einzutreten. So sind Erwachsene für Kinder Vorbilder dafür, wie man auch sprachlich gut für sich sorgen und liebevoll mit anderen Menschen umgehen kann.

Kinder durch Sprache verletzen - Was bedeutet es Kinder wirklich ernst zu nehmen?

«Es ist nichts passiert, komm steh wieder auf!» Das ist der klassische Satz, der uns Erwachsenen immer wieder herausrutscht, wenn Kinder sich verletzt haben, gestolpert und hingefallen sind. Wir versuchen damit, uns und das Kind zu beruhigen, indem wir versuchen unsere Gefühle und die des Kindes wegzuschieben oder erst gar nicht wahrzunehmen. Dabei nehmen wir weder das Kind noch uns selbst ernst.

«Oh du Arme, das tut mir leid, tut es sehr weh? Komm, ich gebe Dir ein paar Tropfen, dann ist es gleich besser.» Auch mit diesem Satz nehme ich das Kind nicht ernst. Die Erwachsene nimmt es wahr, dass das Kind sich verletzt hat, verfällt jedoch in Mitleid und versucht für die Situation möglichst schnell irgendeine passende Lösung zu finden. Erwachsene denken oft, sie müssten sofort eine Lösung haben - anstatt einfach nur da zu sein!

Was braucht es in solchen Situationen? Zunächst ist es für beide Seiten wichtig, wahrzunehmen was ist - und es dann in Worte zu fassen.

«Ah, du hast dich erschreckt, weil du gestolpert bist» oder «Du bist verwirrt und hast dir wehgetan, weil Du von der Kiste runtergefallen bist»: einfach eine feinfühlige kurze Beschreibung dessen, was passiert ist, auszusprechen - die Sache und das dabei aufgetretene mögliche Gefühl des Kindes (z.B. sauer, schockiert, erschrocken, wütend, enttäuscht, frustriert, ärgerlich). Das hilft dem Kind zu sich selbst zu kommen, die Situation und sich selbst wahrzunehmen - es wird so gesehen, wie es ihm gerade geht. Auch die Erwachsene kann so in Kontakt zu sich selbst treten und wahrnehmen, wie sie die Situation erlebt hat. «Ich habe die Luft angehalten und bin erschrocken, als du gestürzt bist.» Diese Wahrnehmung muss jedoch nicht ausgesprochen werden. Es reicht, wenn sich die Erwachsene selbst bewusst wird, wie es ihr ging. Erst dann kommt der nächste Schritt: zu schauen, was das Kind jetzt wirklich braucht. Ernst nehmen bedeutet, das Kind in einer Situation wirklich wahrzunehmen als Vernunft- und Gefühlswesen - indem die Situation und die aufgetretenen Gefühle beschrieben werden.

Was steckt eigentlich hinter den Sätzen: «Ständig musst du so rumbrüllen», «Immer bist Du die Letzte…» oder «Nie kannst Du Ruhe geben…»? Mit Verallgemeinerungen wie «schon wieder», «immer», «nie», «die ganze Zeit», «ständig»… werten wir die Kinder ab und verurteilen sie als die «Brüllende», der «Letzte» oder der «Ruhelose». Wir verschmelzen damit das Kind mit seinem gerade aufgetretenen Verhalten. Natürlich ist es wichtig, dem Kind eine Rückmeldung zu geben und zu beschreiben, wie es mir mit seinem Verhalten geht. Z.B.: «Du ärgerst dich gerade und mir ist es viel zu laut, das tut mir in den Ohren weh, kannst Du bitte etwas leiser sprechen?»

Sehr wichtig ist es, auf die eigenen Worte zu achten. Oft steckt hinter dem «immer», «schon wieder»…. der eigene Ärger und die Unzufriedenheit der Erwachsenen mit sich selbst, was nicht auf die Kinder abgewälzt werden darf. Es ist schon sehr herausfordernd mit der Sprache gut umzugehen!

Kinder wirklich ernst nehmen bedeutet, dass die Kinder gesehen und wahrgenommen werden in dem, was sie tun und wie sie sich fühlen. Das ist in ganz vielen Fällen mit Sprache möglich. «Du bist ganz allein die Treppe runtergerutscht und freust Dich» oder «Du wolltest den Ball auch haben und jetzt hat ihn Amelie, du bist traurig, wütend, enttäuscht, aber ich lasse nicht zu, dass du sie schlägst.» Es braucht die Beschreibung dieser zwei Seiten, der Sachebene und der Gefühlsebene.

Rückmeldungen geben und sich selbst ernst nehmen (auch die eigenen Gefühle)

Für Kinder ist es lebensnotwendig und wichtig, von uns Rückmeldungen zu erhalten über das, was uns wichtig ist, für was wir stehen und was unsere Werte sind. Es braucht klare und konkrete, an der Einzelsituation angepasste Rückmeldungen, z.B. «In deinem Zimmer liegen noch viele Spielsachen auf dem Boden», anstatt «Immer lässt Du alles rumliegen» oder «Du bist total unordentlich».

Gute Rückmeldungen beschreiben zunächst einfach den konkreten Sachverhalt, die Situation. Zusätzlich braucht die Aussage den Bezug und die Verbindung zu uns Erwachsenen. Den Zugang dazu erhalten wir am einfachsten über unsere Gefühle, denn sie verdeutlichen uns, wie wir die Situation für uns selbst einschätzen. Ist da Freude, Unzufriedenheit, Unsicherheit, Ärger, Wut, Irritation? Wenn wir bei unseren Gefühlen sind, dann erhalten wir auch den Bezug zu unseren Bedürfnissen und unseren Werten, zu dem was uns wichtig ist. Mögliche Beispiele für Bedürfnisse könnten in diesem Fall Ordnung, Übersicht oder eine angenehme Atmosphäre sein. «Ich bin unzufrieden mit deinen Spielsachen auf dem Boden, weil es mir wichtig ist, dass eine gute Übersicht und aufgeräumte Atmosphäre in deinem Zimmer sind.» Jetzt wird auch deutlich, warum es so wichtig ist, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse/Werte wahrzunehmen. Wir sind für unsere Gefühle, die oft in Konfliktsituationen deutlich spürbar werden, selbst verantwortlich. Sie hängen mit unseren eigenen Bedürfnissen und Werten, manchmal auch mit alten Verletzungen aus der eigenen Kindheit zusammen. Und das ist es, was Kinder wirklich auch sprachlich von uns erfahren wollen. Sie wollen wissen, wer wir sind, was wir denken, was wir fühlen, was uns wichtig ist. Sie wollen uns als Gegenüber erfahren, welches für das, was uns wichtig ist, eintritt und dazu steht. Dazu braucht es Erwachsene, die immer wieder mit sich selbst in Kontakt gehen, ihre Gefühle wahrnehmen, ihre Bedürfnisse erkennen und das sprachlich äußern. Auch wenn es uns noch schwerfällt, weil es ungewohnt ist: Es lohnt sich die eigenen Gefühle, die immer da und für die Kinder spürbar sind, sprachlich zu benennen. «Ich bin wütend, irritiert, stinkesauer, weil….», statt «du bist unmöglich» oder «du machst mich traurig».

Wie kommunizieren wir mit kleinen Kindern? Indem wir uns selbst und unsere Kinder ernst nehmen (auch die Gefühle) und das in knappe Worte fassen, klar, verständlich und liebevoll mit unseren Kindern und uns selbst.

Wenn es uns gelingt, auf eine bewusste Sprache zu achten, die mit uns selbst übereinstimmt (authentisch ist) und mit der wir unsere Liebe verdeutlichen – dann können wir die Wirklichkeit erschaffen, die wir uns vorstellen.

Zur Autorin: Birgit Ertl ist Diplom-Pädagogin und betreibt eine eigene Praxis für Menschlichkeit in Erziehung und Beziehung (www.beziehungs-garten.de) in Stuttgart. Sie berät Eltern, Großeltern und Fachkräfte in Kitas und bietet Spielraum-Kurse, Seminare und Coachings an. Ihr Buch „Beziehung statt Erziehung – Wie Kinder und Eltern aneinander wachsen“ ist 2022 erschienen.

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