«Schutzengel mein...» Vom Umgang mit unsichtbaren Kräften
Von Johannes Roth, Juni 2025
Wie können wir zu diesen Begleitern einen Zugang und Umgang mit diesen finden?
Hinweis: Der Artikel ist in der Sommerausgabe (02/2025) der Zeitschrift »Erziehungskunst frühe Kindheit« erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.
Eine Mutter geht mit ihrer Tochter, die noch nicht im Schulalter ist, in ihrem Stadtviertel spazieren. Dabei kommen sie an einem Grundstück vorbei, das mit Steinkörben (Gabionen) umzäunt ist. Das Mädchen fragt: Warum sind die Steine gefangen? – Szenenwechsel: Ein kleines Schulkind hört während einer Autofahrt aus den Radio-Nachrichten von der Börse, dort sei der Dax gefallen, und verwundert fragt es: Warum sagt die Frau, der Dachs ist gefallen?
Durch solche Äußerungen können wir darauf aufmerksam werden, auf welche Weise sich Begriffe bilden: Was mit den Sinnen wahrgenommen wird, wird mit Hilfe derjenigen Vorstellungen erkannt und benannt, die im Bewusstsein vorhanden sind, und dieser Schatz wird im besten Fall bis ins hohe Alter immer weiter angereichert.
Doch wie werden Begriffe gebildet, wenn sie nicht von Sinneseindrücken angeregt werden? Lebhaft erinnere ich mich daran, dass meine Mutter manchmal, wenn ich mich bei ihr nach einem Fremdwort erkundigte, das ich irgendwo aufgeschnappt hatte, zunächst an mich die Frage zurückgab: Was stellst du dir denn darunter vor? So ergab sich die Lösung immerhin auch aus einer Art eigener Denk-Tätigkeit.
Auf welche Weise erfahren Kinder von Engeln? Manche haben womöglich ein Engel-Bild an ihrem Bett hängen. Oder sie hören schon seit ihren ersten Lebenstagen allabendlich ihre Eltern das schlichte und ruhevolle Lied «Schutzengel mein, behüt‘ mich fein» singen. Es wird nicht leicht vorkommen, dass sie dann direkt fragen, was das denn eigentlich sei, ein (Schutz-)Engel. Sondern vielmehr wird dieser Begriff allmählich in den oben genannten Vorstellungs-Schatz aufgenommen und dort sein Eigenleben führen. Ob zu dem Begriffsinhalt auch eine eigene übersinnliche Wahrnehmung beiträgt, werden die Außenstehenden in den wenigsten Fällen erfahren, aber die Vielzahl von entsprechenden Äußerungen legt uns nahe, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
So kann sich in einem Kind allmählich eine Ahnung davon bilden, dass zu seinem Erdenleben eine Art von unsichtbarer Begleitung gehört, die wachsam, behütend und treu ist. Das liegt dann vor allem an dem, was von Seiten der Erwachsenen über dieses die Lebensschritte begleitende Wesen, seinen Engel, erzählt wird. Was für eine schöne Aufgabe ist das für alle, die zum nahen Umkreis des Kindes gehören: Sie können dazu beitragen, dass in dem Kind das Vertrauen in die Tatsache wächst, dass wir von einer unsichtbaren Welt umgeben sind, die von Wesen belebt ist, denen am Fortgang unserer Geschicke gelegen ist, die an unseren Taten und Leiden interessiert sind! Und was für eine große Verantwortung übernimmt jeder, der zu dieser Vertrauensbildung in das Vorhandensein einer übersinnlichen Welt beitragen will, denn was wir da sagen, von dem sollten wir doch sicher sein, dass es einen Untergrund hat, dass es einer Wirklichkeit entspricht – und nicht irgendwelchen, womöglich kitschigen Vorstellungen.
Neben dem, was bedeutende Kunstwerke über Engel «lehren» (z.B. die schönen Darstellungen aus der Renaissance, die sich auf die Tobias-Geschichte aus dem Buch Tobit in der Bibel beziehen, in der so eindrücklich von der Begleitung Tobias’ durch Raphael erzählt wird, oder des Malers Raphael «Sixtinische Madonna», aber auch zahlreiche Ikonen), gibt es natürlich auch hilfreiche Literatur.
Vor allem ist es nötig, dass wir selber an das glauben, was wir den Kindern erzählen – und Engel nicht für eine Behelfsvorstellung halten, die für die Kleinen geeignet sein mag, damit sie der nackten, rauen Wirklichkeit des Irdischen nicht zu früh ausgesetzt sein müssen. Können wir nicht auch selber eine Beziehung zu einem solchen Wesen pflegen, für das freilich nach dem Ende der Kindheit, wenn wir zunehmend auf eigene Verantwortung leben und handeln, mehr und mehr eine andere Bezeichnung als «Schutzengel» passend sein mag? Rudolf Steiner beschrieb einmal ganz konkret in einem Vortrag, wie wir abends vor jedem Einschlafen durch den Gedanken an die allnächtliche Begegnung mit der «führenden Wesensmacht [unseres] Erdenlebens» diese Begegnung vorbereiten können.
Bei einer solchen Darstellung darf nicht fehlen, dass auf Missbrauch hingewiesen wird, denn es ist durchaus schon vorgekommen, dass zu Kindern Dinge gesagt worden sind wie «Wenn du dies oder jenes nicht tust, ist dein Engel traurig!» Gerade weil wir damit rechnen können, dass Kinder offen «nach oben» sind, wiegt so etwas besonders schwer und kann nachhaltig beklemmend und belastend für die Seele sein.
Ein Gespräch über den Schutzengel ist mir aufgrund der Begleitumstände in besonderer Erinnerung, auch wenn es 25 Jahre zurückliegt: In Anwesenheit einer Bestatterin war ich mit einer Mutter, deren vierjährige Tochter durch ein Gewaltverbrechen zu Tode gekommen war, am offenen Sarg des verstorbenen Kindes. In ihrer Trauer und Verzweiflung fragte die Mutter, wo denn in der betreffenden Situation der Schutzengel gewesen sei – und die Bestatterin antwortete mit leiser Stimme, aber doch entschieden dies: Vielleicht sei er nicht stark genug gewesen! Damals stand ich noch vor dem Eintritt in mein Berufsleben als Seelsorger und habe die Geistesgegenwart der Bestatterin bewundert. Denn ihre Antwort war dazu angetan, das Vertrauen in die Wirklichkeit der höheren Mächte zu wahren – und anzudeuten, dass wir auch dort mit einer Gemengelage widerstrebender Kräfte zu rechnen haben. Damit wird auch deutlich: Wer über Engel spricht, geht ein Risiko ein, verlässt den festen Grund irdisch-logischer Gesetzmäßigkeiten.
Kürzlich bekam ich anlässlich einer vorzubereitenden Bestattung einer Frau, die 89-jährig gestorben war, von ihrer Enkelin einen Brief, in welchem sie, inzwischen über 30 Jahre alt und selbst Mutter, die Art und Weise beschrieb, wie ihre Großmutter in all den Jahren seit der frühesten Kindheit für sie dagewesen und auf sie gewirkt hatte. Darin standen zwei Sätze, die unser Thema betreffen: «Wo ich sonst in der Welt oft vergeblich nach der Gewissheit einer geistigen Welt gesucht habe, bei meiner Großmutter war genau das da.» Und später: «Als ich noch klein war und bei ihr übernachtete, hat sie mir das Lied von den 14 Englein gesungen. So habe ich sie immer erlebt – mit den Engeln verbunden.»
Diese Beschreibung ist eine Ermutigung für uns alle; hier finden wir das Ideal verwirklicht, dass aus dem eigenen Ernst-Nehmen des Engel-Wirkens bei Heranwachsenden das Vertrauen in eine höhere Welt und Führung gebildet und gestärkt wird. Und was könnte angesichts unserer zunehmend chaotisierten Welt- und Lebensverhältnisse wichtiger sein?
Literaturtipps:
Glöckler, Michaela: Vom Wirken der Engel im menschlichen Leben, Esslingen 1997
Schroeder, Hans-Werner: Mensch und Engel, Stuttgart 1998
Wüstner, Andrea (Hg.): Engel – Gedichte aus allen Sphären, Stuttgart 2001
Zum Autor: Johannes Roth ist Pfarrer in der Christengemeinschaft (Gemeinde in Stuttgart-Mitte) und Öffentlichkeitsbeauftragter der Christengemeinschaft. Gemeinsam mit Günter Kollert ist er Herausgeber des Almanachs «Beiträge zur religiösen Erneuerung».