Geschmack und Geruch des Lebens
Von Karin Michael, Dez 2025
Über die Entwicklung und Bedeutung des Riechens und Schmeckens in der frühen Kindheit
Hinweis: Der Artikel ist in der Winterausgabe (04/2025) der Zeitschrift »Erziehungskunst frühe Kindheit« erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.
Geruch und Geschmack prägen unser Leben von Anfang an. Karin Michael zeigt, wie fein die Sinne eines Kindes sind, warum natürliche Düfte und einfache Geschmäcker so wichtig sind und Erinnerungen, Beziehungen und sogar Heilung beeinflussen können.
Würden Sie 6434 Euro für 70g Pilze ausgeben? Der Matsutake Pilz aus Japan erzielt heute solche Preise – hochgerechnet 91.860 Euro pro Kilogramm! Zufällig hörte ich auf einer Autofahrt einen Bericht in WDR 3 über Matsutake. Ein älterer Japaner erzählt, warum er hilft, den Lebensraum des Matsutake unter der Japanischen Rotkiefer zu pflegen. Seine Erzählung beginnt mit dem Geruch von Matsutake, er gehört für ihn zur herbstlichen Jahreszeit und dann folgen unmittelbar seine mit diesem Genuss assoziierten Kindheitserinnerungen. Kann auch Sie ein Geruch in Ihre Kindheit zurückversetzen?
Tief verbinden sich unsere Erinnerungen mit Geruch und Geschmack – Tante Christas Vanille-Kipferl zu Weihnachten, der Duft vom Holzfeuer im Kamin der Skihütte, die Stockmar Wachsblöckchen der ersten Schuljahre. Jede und jeder von uns kann diese inneren Bilder entlang von Geruch und Geschmack in sich lebendig machen. Hoffentlich haben Sie sogar selbst schon hier beim Lesen über Gerüche und Schmecken viele schöne Erinnerungen vor Ihrem inneren Auge.
Aber auch weniger schöne Gedächtnisinhalte hangeln sich entlang von Gerüchen oder einem bestimmten Geschmack in uns hoch – da ist es gut, wenn man einen anderen wohligen Geruch zur Hand hat, mit dem man die Gefühle wieder beruhigen kann.
Entwicklung des Geruchssinns
Das Kind könnte schon im Mutterleib riechen, wenn es nicht von Fruchtwasser umgeben wäre. Etwa 30 Millionen Riechzellen entwickeln sich bereits im Mutterleib und nehmen bis zum Erwachsenenalter um die Hälfte ab. Wir sind bezüglich des Riechens also frühreif. Schon am 4. Lebenstag kann ein Kind seine Mutter am Geruch erkennen! Der Geruchssinn ist entscheidend für die erste Bindungsentwicklung und spielt weiterhin – wenn auch meist unbewusst – eine wesentliche Rolle in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen.
Es sind besonders die frühesten Erinnerungen, die sich häufig mit Gerüchen verbinden bzw. durch Gerüche wieder in uns aufsteigen. Damit diese frühe und intensive Anbindung an Welt und Mitmenschen wohlig und gut wird, ist es wichtig, für zarte natürliche Düfte und frische Luft um das kleine Kind zu sorgen. Überwältigende Gerüche von starkem Parfum, Pflege- und Desinfektionsmitteln, künstlichen Aromen, Abgasen etc. stören die wohlige Beziehungsaufnahme und Anregung von Lebens- und Verdauungsprozessen. Appetit nicht nur auf Essen, sondern auf das ganze Leben hängt sehr von guten einladenden Gerüchen ab!
Muttermilch als süße Einladung ins Leben
Der erste Geschmack nach der Geburt, der der Muttermilch, ist von einer milden Süße – eine Einladung ins Leben! Man fand aber auch heraus, dass bestimmte Aromen, wie Knoblauch, Kümmel oder Lakritz der Muttermilch in den Stunden nach dem Genuss eine leichte Geschmacksnote geben. So lernt das Kind die Welt der Nahrungsmittel und die je eigene Esskultur schon milde vermittelt durch die stillende Mutter kennen. Was die Mutter gut verdauen gelernt hat und verträgt, schadet nach kinderärztlicher Erfahrung auch dem Kind in der Regel nicht. Wo man im Winter immer viel Kohl ist, haben die Kinder nicht mehr Blähungen. Wo man immer sehr scharf isst, werden die Säuglinge nicht so wund, wie in Situationen, in denen die Mutter nur ausnahmsweise im indischen Restaurant mal etwas ungewohnt Scharfes zu sich nimmt. Stillen beruhigt und sogar der Geruch der Muttermilch an einem Hemd kann einem Säugling helfen, ohne die Mutter zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen.
Vielfalt der Nahrung kennenlernen
Eine nächste wichtige Stufe für eine gesunde vielfältige Geschmacks-, Geruchs- und Verdauungsentwicklung ist die intensive Begegnung mit den – am besten jahreszeitlich passenden, frischen und in der nächsten Umgebung vorhandenen Kräutern, Gemüse- und Obstsorten. Kräuter sind eine Gaumenfreude, ein Zugangsweg zur Nahrungsvielfalt und eine Anregung der Verdauungssäfte. Nach der Muttermilch reichen aber vorerst ganz milde Geschmäcker, beispielsweise eine süße Demeter-Karotte, eine Heidelbeere oder ein milder Apfel, um sich wochenlang in nur eine neue Geschmackswelt zu vertiefen. Der erste für uns Erwachsene immer gleiche langweilige Hirse-, Dinkel- oder Haferbrei ist (ohne jeden Zusatz!) eine tiefe und prägende Erfahrung. Wenn man zu schnell in zu starke Geschmacksnuancen geht, verdirbt man den feinen Geschmackssinn. Salz-Zugaben vertragen die unreifen Nieren in den ersten Lebensmonaten nicht und werden im ersten Lebensjahr allenfalls als Prise bei der Durchfall-Diät mal benötigt.
Ein schwieriges Kapitel ist Zucker. Er hat ein hohes Suchtpotential, verdirbt ebenfalls den Sinn für andere, feinere Geschmacksrichtungen und fördert die Kariesentwicklung. Das gilt beispielsweise auch für Rosinen, die sich besonders gut an den Milchzähnen festkleben oder getrocknete Datteln. Je länger man insbesondere industrielle Zucker aus dem Leben des Kindes fernhalten kann, desto gesünder können sich Geschmack und Geruchsinn entfalten und desto vielfältiger können sich die Essgewohnheiten entwickeln.
An bittere Geschmackserlebnisse gewöhnen sich viele Kinder nur allmählich und das ist ganz in Ordnung so. Das Bittere weckt uns stark und holt uns auf die Erde. Hilfreich ist auch hier, wenn die Mutter bittere Salate liebt und vielleicht schon das Stillen mal mit Chicorée fördert. Die Bittersubstanzen sind verdauungsfördernd und heilsam; leider wurde das Bittere in Rucola, Radicchio, Löwenzahn und Endiviensalaten durch Züchtungen abgemildert. Gemischte Frühlingssalate mit Gänseblümchen und Ringelblumen können helfen, sich langsam auch an ein paar bittere Blättchen zu gewöhnen.
Säure lernt man am besten im Sommer und an frischem Obst oder Beeren kennen. Sie kühlt, erfrischt und belebt.
Sprossen bringen eine besondere Frische und Geschmacksvielfalt mit sich. Sie strotzen vor Vitalität und Kraft und sind daher eine wunderbare Zugabe, sobald sich das Kind immunologisch gut entwickelt, erste Krankheiten gut überstanden hat und eine robuste Verdauung erwerben konnte. In der Herstellung von Sprossen kommt es leicht auch zur Vermehrung von Mikroben, weshalb immer sorgfältig gearbeitet werden sollte und das Kind am besten schon über 3 Jahre alt ist, bevor man diese wertvolle Ergänzung in die Ernährung einführt.
Heilsame Wirkungen
Schon sehr lange haben Aromen einen Platz auch in der Heilkunde. Ayurveda hat ein ganzes System der Wirkungen von 6 Geschmacksrichtungen – süß, sauer, bitter, salzig, scharf und herb/zusammenziehend. Rudolf Steiner gibt Hinweise für Geschmacksrichtungen zur Behebung konstitutioneller Einseitigkeiten. Beispielsweise könne man mit Süße einem besonders verdauungsschwachen Kind helfen, sich inniger und kräftiger mit dem Stoffwechsel zu verbinden. Süße sei auch dem melancholischen (zu Traurigkeit und Schwere neigenden) Kind zuträglich. Dazu haben sicher viele Menschen eine innere Beziehung – man weiß heute, dass der Trost durch ein Stück Schokolade sogar noch durch Ausschüttung körpereigener Endorphine verstärkt wird, die zu Glücksgefühlen und Entspannung führen. Salzigen Geschmack empfiehlt Rudolf Steiner dagegen für das eher zum Träumen neigende Kind zur Anregung der Formkräfte. Säuren wecken, beleben und kühlen, können als Zitrusfrüchte allerdings auch zu Juckreiz und zur Verschlimmerung von allergischen Ekzemen führen. Besonders wertvolle Erfahrungen machen wir in der anthroposophischen Medizin mit Bitterstoffen. Die Präsenz und Führung des Ich im Organismus wird unterstützt. Eine Forschergruppe um den anthroposophischen Dermatologen Christoph Schempp hat viel zu Bitterstoffrezeptoren gearbeitet und herausgefunden, dass sie im Organismus viel weiter verbreitet sind, als auf der Zunge. Lange schon kennt man von traditionellen Vor- und Nachspeisen die hilfreiche Wirkung von Bitterstoffen auf die Verdauung. Aber auch die asthmatisch verengten Bronchien erweitern sich bei der Inhalation von wässrigem Auszug aus gelbem Enzian, die Ekzem-geplagte Haut beruhigt sich mit bitterstoffhaltigen Cremes und der Kopf wird wach nach bitterem Kaffee.
In der Neonatologie hat man entdeckt, dass Frühchen weniger Stress- und Schmerzreaktionen zeigen, wenn man vor einer Blutentnahme Vanilleduft in den Inkubator gibt. Immer wieder erzählen mir Mütter, wie sie nach dem Anlegen des Lavendel-Brustwickels für ihr hustendes Kind wohlig neben ihm einschlafen und endlich wieder eine ruhige Nacht geschenkt bekommen. Lavendelduft führt zu tieferem Schlaf, Beruhigung, Entspannung, Wärmung und bei vielen auch zur Erinnerung oder wenigstens zum Traum vom Urlaub in Südfrankreich. Bei der heutigen Reizüberflutung gehört das lavendelduftende Solumöl® zu meinen Lieblingsmitteln am Abend: Es hilft unruhigen Kindern beim Einschlafen, löst Verspannungen und gibt eine wohlige Wärme.
Atmosphärisches
Manche Verstimmung im Büro und ganz besonders in den Klassenzimmern von Jugendlichen ließe sich vermeiden, wenn wir rechtzeitig daran denken, die Atmosphäre mit etwas Frischluft aufzuhellen. Rosen können diese harmonisierende Wirkung mit ihrem Duft verstärken – sie haben nicht nur symbolisch eine positive Sozialwirkung. Die Schalen von Zitrusfrüchten können die schläfrigen Eulen im Jugendalter etwas wacher machen.
Studien zeigen, dass der gleiche angenehme Duft (z. B. Rose), den man beim Auswendiglernen, im Schlaf und beim Test wahrnimmt, die Ergebnisse verbessern hilft. Hier zeigt sich wieder, wie tief das sich Verbinden der Seele mit dem Leben, mit Orten, Menschen und all den Erinnerungen mit unserer Nase zusammenhängt. Vieles davon bleibt unbewusst, auch, warum wir jemanden «dufte» finden, uns «riechen können» oder einen anderen Menschen eben «nicht riechen können» und er uns vielleicht gar total «stinkt». Der Duft entlockt Schriftsteller:innen phantasievolle Geschichten und Regisseur:innen emotionale und dramatische Filme. «Birnenkuchen mit Lavendel» ist ein besonders schöner, «Das Parfum» mörderisch und finster. Immer geht es um Beziehungen.
Es sind also tiefgehende Gefühle, die durch Geschmacks- und noch intensiver durch Geruchs-Wahrnehmungen ausgelöst werden. Wenn sie klug eingesetzt werden, wirken sie vielseitig hilfreich, verinnerlichend, inspirierend, stärkend, regulierend und sogar heilend. Da auch die sogenannten körperlichen Erkrankungen immer auch eine seelische Beteiligung haben, ist der Reichtum an Düften und Geschmäckern ein Schatz – nicht nur für die Harmonisierung der Seele, sondern auch für eine ganzheitliche und nachhaltige Heilung.
Zur Autorin:
Dr. med. Karin Michael ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Mitbegründerin des von Tessin-Zentrum für Gesundheit und Pädagogik und Teil der Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum.
Foto: Charlotte Fischer