In Gedenken an Wolfgang Saßmannshausen (1. Juli 1952 bis 9. Januar 2024)

Am 9. Januar des neuen Jahres 2024 ist unser geliebter Kollege und Freund Wolfgang Saßmannshausen nach schwerer Krankheit im Alter von 71 Jahren an seinem Wohnort in Hagen über die Schwelle des Todes gegangen.

Viele von uns haben ihn noch erlebt anlässlich des Festaktes zum 50-jährigen Bestehen der Vereinigung der Waldorfkindergärten im Anthroposophischen Zentrum in Kassel am 9. November 2019, wo er an die Gründungsinitiative durch Helmut von Kügelgen und Klara Hattermann erinnerte. Schon bei dieser Gelegenheit merkte man dem geübten Vortragsredner seine gesundheitliche Beeinträchtigung an, aber auch sein Herz für das kleine Kind und das Recht auf Kindheit.

Dr. Wolfgang Saßmannshausen hat das Leben der Waldorfkindergarten-Bewegung sehr geprägt. Er wirkte auf vielen Feldern der Vereinigung: als Mitbegründer und langjähriger Leiter des Rudolf Steiner Berufskollegs Dortmund, staatlich anerkannte Fachschule für Sozialpädagogik, im Wirtschaftskreis und Vorstand der Vereinigung, als Seminarbegleiter der elf Seminare der Vereinigung, als Dozent und Vortragsredner im In- und Ausland. Unermüdlich wie kaum ein anderer reiste er regelmäßig nach Korea und nach Prag, um an den dortigen Seminaren, die er gründete und inhaltlich leitete, Erzieherinnen den Weg in die Waldorfpädagogik zu eröffnen. Immer wieder war er, wie er sagte, in hunderten Waldorfkindergärten beratend und vortragend tätig.

In Wort und Schrift trat er für die Waldorfpädagogik, für das kleine Kind ein. In teils anekdotenhaftem Erzählstil brachte er praxisnah, lebendig und fachlich fundiert die Grundideen der Waldorfpädagogik seiner Zuhörerschaft nahe. Er sprach von dem Raum, der anregend gestaltet sein muss, und den Spielmaterialien aus der Natur, damit die Kinder sich frei schöpferisch im Spiel entfalten können, von der Ordnung in den zeitlichen Abläufen, durch Rhythmus, und der seelischen Welt unmittelbaren Erlebens. Wenn jemand mit einem Besen kehren und den Staub zu Haufen zusammenfegen würde und es käme ein Wesen vom Mars, das noch nie einen Besen gesehen hat, würde es – so Wolfgang Saßmannshausen – in kürzester Zeit erfassen, was Kehren bedeutet – aufgrund der Tatsachenlogik, die aus sich selbst den Sinn der Tätigkeit offenbart. Beim Staubsauger ist das nicht der Fall. Denn was erlebt das Kind? Da drückt jemand auf den Knopf, dann ertönt ein Geräusch, und der Staub verschwindet – wie das funktioniert, wird in der Wahrnehmung nicht evident. – An Beispielen dieser Art verdeutlichte der Vortragende die Nachahmungs- und Lernkraft des Kindes. Kinder lernen durch unmittelbares Erleben. Sie brauchen überschaubare Tätigkeiten, einfache Haushaltsarbeiten, Backen, Spülen, Blumengießen, handwerkliche Tätigkeiten, die tatsachenlogisch und folgerichtig sind und keiner Erklärung bedürfen.

Das Wichtigste im Prozess der Bildung und Erziehung ist Authentizität. Kleine Kinder brauchen keine Erzieherinnen, keine Gruppenleiterinnen, keine Zweitkräfte – Kinder haben Beziehungen zu Menschen, nicht zu Trägern von Rollen und Funktionen. Der Mensch als solcher ist derjenige, der bildend wirkt. Die Begegnung von Mensch zu Mensch ist die Sphäre, in der sich der nachhaltigste Teil von Bildung ereignet. Allerdings sind zwei Grunderfahrungen für das Kind existenziell: „Ich brauche mindestens einen Menschen, der mich liebt.“ Und die zweite: „Ich muss mindestens einen Menschen erleben, der sein Leben liebt und als sinnvoll erachtet.“ In der Authentizität dieser Begegnungsqualität zwischen dem Erwachsenen und dem Kind entfaltet sich die Pädagogik. „Erziehung ist Begegnung“ – das war sein Thema, und so auch der Titel seines letzten Buches (2019).

Wolfgang trat für die Freiheit des Menschen ein, im individuellen Leben wie auch in der Zusammenarbeit. Jede Standardisierung, jede Norm war ihm tief zuwider. Waldorfpädagogik in der Praxis verwirklicht sich nur, wenn ihre Ideen so individualisiert werden, dass sie sich zur lebendigen Erziehungskunst wandeln, die jeder individuell schöpferisch in der konkreten Begegnung mit dem Kind stets neu erfindet.

Er achtete die Freiheit des anderen und konnte andere Auffassungen stets anerkennen und achten. Selbst wenn die Ideen im Geiste stritten, konnten die Herzen in Einklang schwingen, immer fand er den Weg zum Menschen.

Für die kollegiale Zusammenarbeit in den Waldorfkindergärten entwickelte er ein Verfahren zur Entwicklung der Qualität im Prozess. Er sprach von dem Menschen, der geworden ist, und von dem Werdenden, von der Sehnsucht zu verwirklichen, was noch nicht ist, was der Mensch als Vision seines höheren Lebens in sich trägt. Er fühlte sein Leben von einem höheren Bewusstsein getragen: „Dieses höhere Bewusstsein bist du selbst im Verein mit deinem Engel“, wie er in einem Gespräch einmal sagte.

Wolfgang war ein Kämpfer für das Spirituelle, ein Verfechter der Freiheit und ein Freund des kleinen Kindes. Für ihn war die Erkenntnis Rudolf Steiners tiefe Überzeugung, dass das Kind aus einem vorgeburtlichen Dasein in der geistigen Welt zur Verleiblichung in die physische Welt heruntersteigt. Geborenwerden auf Erden bedeutet zugleich ein Sterben für die geistige Welt. Und mit dem irdischen Tod beginnt das nachtodliche Leben in der geistigen Welt. Stirbt der Mensch auf Erden, wird er für die geistige Welt geboren.

Sein Abschied von seinen Aufgaben auf der Erde und den geliebten Menschen, mit denen er verbunden ist, ist zugleich ein Himmelsgeburtstag, an dem die Freude der Engel und der Menschenseelen seines Schicksals, die vor ihm gestorben sind, ihm entgegenkommt.

Und vermissen wir auch unseren lieben Freund hier auf Erden so sehr, so tragen wir doch die Gewissheit in uns, dass die geistige Welt immer da ist, immer um uns ist. So sind die Toten immer um uns und Wolfgang uns im Herzen nahe bis zu einem Wiedersehen einst, in der geistigen Heimat der Menschenseele.

 

Frank Linde
Glücksburg, 15. Januar 2024

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