Leitbild

Vorbemerkung

Die „Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V.“ ist im Laufe ihres bald 50-jährigen Bestehens stark gewachsen. Im Jahre ihrer Gründung 1969 gab es etwa 60 bis 65 Waldorfkindergärten in Deutschland. Heute ist sie mit über 2.000 Kindergärten in über 40 Ländern der Welt vertreten. Allein in Deutschland arbeiten gegenwärtig 581 Waldorfkindergärten sowie 5 Fachschulen und 10 Seminare zur Aus- und Fortbildung von Waldorferzieherinnen.

Diese enorme Entwicklung machte die Zusammenarbeit in der Vereinigung zunehmend unüberschaubar und schwierig. Um tragfähige Arbeitsformen für die Zukunft zu schaffen, wurde eine umfassende Neuordnung der Arbeitszusammenhänge unumgänglich.

Im Zuge dessen hat sich im Jahre 2005 der internationale Bereich als eigenständiger Zusammenschluss mit Sitz in Stockholm gegründet, dem Deutschland nunmehr als Landesvereinigung angehört. Auch in Deutschland setzt sich die Entwicklung zur Verselbständigung der Arbeitsfelder und Regionen auf unterschiedliche Weise fort. Damit wird es nötig, sich auf die Grundlagen der Zusammenarbeit und die verbindenden Aufgaben und Ziele neu zu besinnen.

Bedürfnislage und Zielgruppe

Die tiefgreifenden Veränderungen in den familiären und gesellschaftlichen Verhältnissen sowie die aktuellen bildungspolitischen Zielsetzungen in Deutschland bestimmen die Rahmenbedingungen für die Erziehung mehr denn je und erfordern verstärkte Anstrengungen, um den Schutz der Kindheit im Interesse einer gesunden, dem kindlichen Wesen entsprechenden Entwicklung aufrechtzuerhalten. Der einzelne Kindergarten ist bei der Bewältigung der Komplexität der damit verbundenen Aufgaben sehr stark herausgefordert. Es zeigen sich unterschiedliche Bedürfnisse auf drei verschiedenen Ebenen:

  1. Unterstützung
    Tätige ErzieherInnen, Mitarbeiter in den Vorständen und Gremien der Mitgliedseinrichtungen und Eltern und Erziehungspartner der Kinder brauchen Unterstützung durch Erziehungsbegleitung, Beratung, zeitgemäße Fort- und Weiterbildung in fachlicher, organisatorischer und sozialer Hinsicht. 
     
  2. Koordination
    Viele Aufgaben werden zunehmend selbständig von den Arbeitsfeldern und Regionen vor Ort ergriffen. Für die Vereinigung kommt es daher stärker als bisher darauf an, diese regionalen Aktivitäten und Bedürfnisse, wahrzunehmen und gegebenenfalls überregional zu koordinieren und zu unterstützen, um sie für das Ganze fruchtbar zu machen.
     
  3. Originäre Aufgaben
    Auch die eigenen, originären Aufgaben der Vereinigung wollen neu ergriffen werden, damit im Zuge der Vereinzelung der Zusammenhalt des Ganzen nicht verloren geht.  - Inhaltlich steht dabei die Frage nach dem Wesen des Kindes und den Bedingungen seiner gesunden Entwicklung so wie nach zeitgemäßen Formen der Zusammenarbeit im Mittelpunkt. 

Aufgaben und Ziele

Die in der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Deutschland verantwortlich tätigen Menschen stellen sich vor diesem Hintergrund die Aufgabe,

  • für den Schutz der Kindheit in der Welt einzutreten;
  • die  anthroposophische Pädagogik in ihrer Substanz zu schützen und zu pflegen;
  • die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik zu erarbeiten, weiter zu entwickeln und deren Umsetzung für die sozialpädagogische Praxis fruchtbar zu machen;
  • Aus- und Fortbildungsmaßnahmen auf fachlichem und sozialem Gebiet für ErzieherInnen, Vorstände, Mitarbeiter und Eltern in Einrichtungen der Waldorfpädagogik zu entwickeln, anzubieten oder zu ermöglichen;
  • die Mitgliedseinrichtungen bei der Verwirklichung der Waldorfpädagogik in geistiger, rechtlich-wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zu unterstützen;
  • wissenschaftliche Publikationen, Studienhefte und Arbeitshilfen für die Praxis zu ermöglichen und den Mitgliedseinrichtungen zur Verfügung zu stellen;
  • aktuelle Entwicklungen in pädagogischen, gesellschaftlichen und bildungspolitischen Bereichen wahrzunehmen und im Sinne der Waldorfpädagogik zu bearbeiten;
  • zeitgemäße Formen und Strukturen der Zusammenarbeit zu entwickeln: vor Ort, in den Regionen und in der Vereinigung im Ganzen;
  • die Zusammenarbeit der Arbeitsfelder der Vereinigung zu koordinieren sowie die Zusammenarbeit mit der anthroposophischen Bewegung, insbesondere mit dem Bund der Freien Waldorfschulen, und mit anderen Organisationen, die dem Wohl des Kindes dienen, zu pflegen;
  • den Impuls der Waldorfpädagogik sowie die Idee des selbst verwalteten sozialen Organismus in der Öffentlichkeit zu vertreten;
  • die notwendigen Finanzierungsaufgaben der Vereinigung sachgemäß zu bearbeiten;

Die Vereinigung verfolgt damit das Ziel, den Kulturimpuls der Anthroposophie Rudolf Steiners auf dem Gebiet der Sozialpädagogik in Deutschland zu verwirklichen und für die Entwicklung eines freien Erziehungs- und Bildungswesens einzutreten.

Sie tut dies in innerer Anknüpfung an die Aufgaben und Ziele, wie sie in der „Präambel zu der Satzung und den Arbeitsweisen der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V.“ beschrieben sind, denen sie sich bei der Erfüllung ihrer Aufgaben verpflichtet fühlt.

Grundlagen der Zusammenarbeit

In der Anthroposophie Rudolf Steiners sind die geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse und Erkenntnismethoden entwickelt, die der Waldorfpädagogik zugrunde liegen. Sie gibt ein ganzheitliches Bild vom Wesen des Menschen – nach Leib, Seele und Geist – und seines Zusammenhanges mit der ihn umgebenden Welt. Aus der Vertiefung in die anthroposophische Menschenkunde bildet sich eine Erziehergesinnung, die im heranwachsenden Kind die geistige Individualität als Ich erkennt. Sie wird zum Ausgangspunkt für eine Erziehungskunst, die sich in der unmittelbaren Begegnung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind entfaltet. Die Methodik und Didaktik der Waldorfpädagogik orientiert sich dabei an den Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung und fördert und unterstützt dadurch eine gesunde, altersgemäße Entwicklung des Kindes.

In den Darstellungen Rudolf Steiners sind darüber hinaus richtungweisende Impulse für den Aufbau eines gesunden sozialen Organismus und die Entwicklung der sozialen Fähigkeiten des Menschen ausgearbeitet. Wenn es gelingt, die Zusammenarbeit in diesem Sinne lebendig zu gestalten, wird die Menschenbegegnung selbst zur Quelle unmittelbarer Geisterkenntnis und -erfahrung. Dann bildet sich in der Vereinigung die Kraft, durch die ein Höheres hereingerufen wird und sich der spirituelle Impuls der Waldorfpädagogik verwirklichen kann. 

Die in der Vereinigung der Waldorfkindergärten verantwortlich tätigen Menschen fühlen sich diesem Streben innerlich verbunden. Sie verpflichten sich, im Sinne dieses Leitbildes zu wirken und sind bereit, sich aktiv an der Mitgestaltung der gemeinsamen Aufgaben innerhalb der Vereinigung zu beteiligen.

 

Beschlossen in Seeon am 16. März 2008