Impfen – ja und nein
Von Stephanie Sieburg, Juli 2016
Meine Tochter, damals acht Monate alt, trug ich im Tragetuch. Ich stillte sie bis zum siebten Monat – ausschließlich. Sie ist ein gesundes, fröhliches und strahlendes Kind. Heute haben wir ein Aufklärungsgespräch zum Impfen. Ich sitze mit meiner Tochter im Wartezimmer und bin nervös. Ein diffuses Gefühl der Unsicherheit begleitet mich.
Wir werden aufgerufen und ein intensiver Monolog eines Arztes regnet auf mich herab. Ich bin überfordert. Ich höre Dinge wie »Mehrfachimpfstoff«, »Auffrischung«, »harmlos«. Und ich vernehme Fragen, die ich nur verneinen kann: »Hatten Sie schon mal Kontakt zu einem Menschen, der durch Polioerkrankung an einen Rollstuhl gefesselt ist?« »Möchten Sie diese Erfahrung für Ihr Leben machen?« »Wissen Sie eigentlich, wie riskant es ist, heute nicht zu impfen?«
Und ich höre Aussagen, die ich zu prüfen nicht imstande bin: Nur durch konsequentes Impfen sei es überhaupt möglich gewesen, all diese Krankheiten in den Griff zu bekommen. Jeder, der nicht impfe, gehe bewusst ein Risiko ein, andere Menschen und das Leben des eigenen Kindes zu gefährden. Meine Hände sind schweißnass, und meine Tochter beginnt zu quengeln. Ein kurzer Impuls lässt mich aufstehen und das Gespräch abbrechen. Ich greife noch kurz die Infomaterialien, die bereits vor dem Gespräch freundlicherweise in einer Mappe zusammengefasst wurden. Wir verlassen das Sprechzimmer. Beim Ankleiden im Warteraum wende ich mich noch einmal an die Schwester und bitte sie, mir einen Beipackzettel über die Nebenwirkungen für die vorgeschlagenen Impfungen zur Verfügung zu stellen. Die Antwort fällt kurz aus. So etwas gebe es nicht und es sei ohnehin zu komplex und damit für einen Laien unverständlich. Ich schließe die Tür dieser Praxis und spüre, dass ich sie nicht noch einmal betreten werde.
Es beginnt eine intensive Phase. Ich gehe zu Impfsymposien, Vorträgen, Diskussionsrunden. Ich informiere mich bei Ärzten, Heilpraktikern, Befürwortern, Gegnern, Müttern, Vätern, Großeltern und lese Berichte von Erfahrenen, Betroffenen, Erkrankten. Unzählige Bücher zum Thema habe ich gelesen. Ich suche nach Antworten, denn ich habe viele Fragen. Ich lese von Komplikationen durch Erkrankungen, ich lese von Komplikationen nach dem Impfen. Warum sind so viele Kinder krank, wenn wir doch alle Krankheiten im Griff haben? Warum können so viele Kinder nicht unbedenklich essen, worauf sie Lust haben? Warum können unzählige Kinder im Frühling nicht auf einer Wiese spielen, ohne ein Asthmaspray in der Tasche zu haben? Ritalin – wie viele Kinder das wohl täglich nehmen?
Krankheiten durch Impfungen?
Inzwischen ist meine Tochter drei Jahre alt und besucht einen Kindergarten. Eine ihrer besten Freundinnen liegt zur Zeit im Krankenhaus, da sich der Verdacht auf Diabetes bewahrheitet hat. Ihre Mutter erzählte mir, dass sie etwa sechs Wochen nachdem sie achtfach – unter anderem gegen Hepatitis B – geimpft worden war, begann, nachts nach unüblichen Mengen Wasser zu verlangen. Ich hatte zuvor in einem Artikel gelesen, dass es offenbar einen Zusammenhang zwischen Hepatitis B-Impfungen und Diabetes-Erkrankungen gibt. Wieder bin ich verunsichert. Meine Nachbarin liegt kurze Zeit darauf für mehrere Stunden bewusstlos in ihrer Wohnung, nachdem sie als Vorbereitung für einen längeren Auslandsaufenthalt der Empfehlung nachkam, sich einer Hepatitis B-Impfung zu unterziehen. Und einige Zeit später verstirbt in unserem Bundesland ein vierzehnjähriges Mädchen, nur vier Stunden nach der Gabe einer Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Das offizielle Statement lautet: verspäteter Fall von plötzlichem Kindstod. Ein Zusammenhang mit der Impfung könne nicht nachgewiesen werden. Ich beginne zu beobachten. Inzwischen wird diese Impfung nicht mehr angepriesen und kaum ein Frauenarzt empfiehlt mehr das noch vor kurzem als lebensrettend angepriesene Elixier. Ich frage mich, warum? Irgendwann sehe ich im Fernsehen einen toten Schwan, um dessen Kadaver sich in Schutzanzügen Vermummte tummeln und auch jene hinter den Kameras scheinen sich in einer Seuchenzone zu befinden. Vogelgrippe, teuflisch, tödlich, hochgefährlich. Es werde an einem Impfstoff geforscht. Schreckliche Bilder von in Käfige gezwängten Vögeln, die offenbar ein tödliches Virus in sich tragen, erreichen die Bildschirme. Wochenlang die gleichen Bilder. Und dann irgendwann: Stille. Wie von selbst sind sie davongeflattert. Dicht gefolgt vom gefährlichen Schweinegrippevirus nur einige Monate später. Hundertausende werde es vermutlich in den Tod reißen, aber diesmal habe die Pharmaindustrie reagiert und bereits einen Impfstoff bereitgestellt. Offenbar lässt er sich aber nicht flächendeckend verkaufen. Ich kann mich erinnern, dass damals meine Omi im Seniorenheim den Impfstoff bekommen hat und auch ihre Nachbarn und deren Nachbarn, in allen Etagen, auf allen Fluren, in allen Häusern. Gut, dass wir die Alten noch haben, sonst würde der Impfstoff sicher verderben. Das kann doch niemand wollen.
Quecksilber und Aluminiumverbindungen dachte ich, seien hochgiftig. Formaldehyd – achten nicht viele Eltern beim Kauf von Möbeln darauf, dass solch ein Lösungsmittel nicht die Kinderzimmerluft verpestet? In die Blutbahn von kleinen Menschen darf das bedenkenlos hinein? Die Liste von Zusatzstoffen ist lang und wieder kann ich als Laie nur schwer beurteilen, was schädigend wirken kann und was nicht. Letztes Jahr kursierten in Deutschland die Masern. Viele Erkrankte. Vor allem in Ballungszentren. Die Presse reagierte heftig. Verurteilt wurden Ungeimpfte. Die Talkshows polarisierten, Impfpflicht wurde gefordert. Einige Ärzte in meinem Umfeld räumten ein, es sei unverantwortlich, solch eine Zahl von Menschen mit Lebendimpfstoff zu versorgen. Im Winter. In der Zeit, in der die Immun-systeme vieler Menschen leicht geschwächt sind. Diese Geimpften sollten nicht unter Menschen, sondern einige Tage in Quarantäne. Wieder Verunsicherung. Wieder Angst. Unwissenheit auf beiden Seiten.
Ich beschließe, sämtliche Medien für einige Tage zu meiden. Unzählige Stimmen, die alle wissen, was gut und richtig für uns ist, verstummen und ich kann sie wieder hören – meine eigene innere Stimme.
Zeit für Genesung
Inzwischen ist meine Tochter sieben Jahre alt. Sie hatte vor einigen Wochen die Masern – erst eine leichte Erkältung, dann etwas erhöhte Temperatur. Einen Tag darauf bildete sich der Ausschlag mit Fieber. Für zwei weitere Tage lag sie im Bett. Es war sicher keine einfache Zeit. Ich hatte Angst. Es gibt kaum noch Menschen, an deren Erfahrungen wir uns anschließen können und die besonnen reagieren. Die Großmütter und Ärzte aus der Zeit, in der Kinder noch Kinderkrankheiten bekamen, sind nicht mehr da. Daher sind wir nun die Generation, die solche Erfahrungen wieder machen muss, um sie an andere weitergeben zu können. Meine Tochter ist recht schnell genesen und wir haben danach noch drei Wochen in Ruhe verbracht – zur Erholung. Die hatten wir wirklich nötig. Auch das gehört zur Krankheit: Zeit für Genesung. Gibt es in unserer Gesellschaft dafür genügend Raum und Zeit? Sehr verbunden fühle ich mich mit unserer Heilpraktikerin, die uns in der Zeit der Masern unglaublich sensibel betreute. Interessante Gespräche von Mensch zu Mensch habe ich plötzlich mit Ärzten, die offen mit mir sprechen und mit dem Thema Impfen inzwischen immer kritischer umgehen. Warum sind an den Masern auch Kinder erkrankt, die vollständig dagegen geimpft gewesen sind? Warum sind es gebietsweise vor allem erwachsene Menschen, die an Masern erkranken? Meine Fragen bleiben bis heute unbeantwortet.
42 Impfdosen innerhalb von zwei Jahren?
Ich kann Menschen, die sich an Impfvorschriften halten, gut verstehen. Es ist wahrscheinlich selten eine leichte Entscheidung, vor allem angesichts der Menge an Impfstoffen, die ständig dazu kommen. Inzwischen bekommt ein Kind bis zum 23. Lebensmonat 42 Impfdosen. Wozu eine solche Menge? Und natürlich gibt es Menschen, die voll geimpft sind und sich eines gesunden und zufriedenen Lebens erfreuen. Das ist gut so. Und genauso gibt es Menschen mit anderen Erfahrungen. Kann ich Krankheiten vorbeugen? Kann ich im Leben etwas vermeiden? Macht das Leben nicht einfach was es will? Warum betrachten wir unseren Körper als getrennt von unserem Geist, von unserer Seele? Ist die Krankheit des Körpers Ausdruck einer Erkrankung auf einer anderen Ebene?
Wer übernimmt die Verantwortung, wenn mein Kind erkrankt? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn mein Kind die Impfung nicht verträgt? Der Arzt? Der Heilpraktiker? Der Befürworter? Der Gegner? Wer übernimmt die Verantwortung für mein Leben und das meines Kindes? Wer hat Interesse an Gesundheit? Ein Wirtschaftszweig, der von Krankheit lebt? ‹›
Zur Autorin: Stephanie Sieburg ist Waldorfmutter in der Waldorfschule Erfurt/Bischleben.