Medienmündig werden

Von Paula Bleckmann und Birgit Krohmer, Jan. 2026

mit Rückenwind und Ressourcen statt mit Rechthaberei oder: Die dritte Chance des Rattenfängers

Dreht sich jetzt der Wind in den deutschsprachigen medialen Diskursen rund um das Thema Kinder und Digitalisierung? Es sieht jedenfalls auf den ersten Blick so aus: Zuerst setzt Ministerin Prien die Themen «Smartphoneverbote an Schulen» und «Auswirkungen digitaler Abgelenktheit von Eltern auf Kindergesundheit» auf ihre politische Agenda. Dann gibt die Leopoldina ein kritisches Diskussionspapier zum Thema Social Media heraus, in welchem altersabhängige Zugangs- und Funktionsbeschränkungen empfohlen werden. Das liest sich erstmal gut.
 

Doch halt! Bei genauerer Betrachtung müssen wir leider eher von böigen Wechselwinden sprechen. Wenn´s kompliziert wird, wie beim historischen Verlauf des Diskurses um digitale Medien und Bildung, können märchenhafte Zuspitzungen erhellend sein. Ja: Es war einmal…
 

 

Besser lernen, schneller lernen – Rattenfänger die erste

Die Bürger eines rechtschaffenen Staates hatten schwere Sorgen. Auch die Minister klagten: «Ach! Mit der Bildung im Lande liegt es im Argen: Unsere Kinder lernen so langsam, sie sind nicht motiviert, die Lehrkräfte sind leider auch allzu menschlich, mal faul, mal überfordert, mal gar beides.» Da kam gerade zur rechten Zeit, wie es schien, ein Rattenfänger mit einer Pfeife daher. (Warum er Rattenfänger genannt wurde, wusste keiner so genau, denn er kam nicht aus Hameln und hatte auch mit Ratten nichts am Hut). Aber er kam den Ministern wie gerufen. Er wusste nämlich Rat und pfiff mit seinem Pfeifchen, wie es Rattenfänger so tun. Er brachte alsbald die Kinder des Landes in eine Höhle, in der die schönsten bunten und bewegten Bilder über die Wände huschten. Was waren die Kinder froh, sie konnten ja sogar selbst mit den Händen wischen und die Bilder zum Tanzen bringen, es war eine helle Freude! Voll Freude waren auch die Minister, die sich ihrer Zeit weit voraus dünkten, und erst recht voll überschäumender Freude zuletzt der Rattenfänger – denn er wurde mit Goldtalern reich belohnt für seine Dienste.

Doch ach! Als ein paar Jahre ins Land gegangen waren, da war die Enttäuschung groß: Die Kinder waren so klug als wie zuvor, nein schlimmer noch, viele waren gar dümmer und fauler als einstmals. Als den Ministern dies zu Ohren kam, stellten sie den Rattenfänger zur Rede.

 

Bunte Bilder nutzen und gestalten lernen – Rattenfänger die zweite

Er forderte sogleich mehr Goldtaler ein, denn er wusste, warum die erhofften Erfolge ausblieben: Die Kinder waren schuld. Sie wussten die bunten Bilder nicht zu ihrem Nutzen zu gebrauchen, denn sie hatten ja nicht gelernt, wie man es anpackte, in der Höhle der bunten Bilder zu lernen, zu leben, ja selbst die bunten Bilder zu gestalten. Und erst die alten Menschen, die die Kinder beim Klugwerden begleiten sollten: Die wussten erst recht nicht aus noch ein, wie man anzupacken hatte, dass die Segnungen der Bilder in die Kinderköpfe hineingelangten. Selbstredend wollten die Minister den Rattenfänger erneut in ihre Dienste nehmen, und erneut gingen viele Jahre ins Land, die Börse des Rattenfängers füllte sich, die Minister waren´s auch zufrieden. Doch ach! Nun standen die Leute im Lande in Schlangen, ja in großen Menschentrauben vor den Büros der Minister, um sich zu beklagen: Die Kinder, sie schliefen nachts schlecht und träumten böse Träume. Die Kinder, die vormals munteren Kinder, sie hätten ihre glänzenden Augen verloren, sie wären allzeit müde und entbehrten jeder Lust, draußen vor der Höhle zu spielen, zu tanzen, zu singen und wie in alten Zeiten ihren Schabernack zu treiben. Die Kinder, sie würden nun am liebsten den ganzen Tag, ja gar die Nächte obendrein, in der Höhle zubringen. Zur Rede gestellt, warum sie denn nicht hinaus wollten, seien die Kinder um Antwort indes nicht verlegen: In der Höhle, so sagten die Kinder, sei allzeit Freude, Spannung, Heiterkeit, ein tolles Treiben wie auf dem Jahrmarkt. Auch seien sie dort verbunden mit allerliebsten Gestalten, manche aus dem Reich der Fantasie, manche aber ganz echt und nur in ihren Abbildern über die Wände der Höhle flackernd. Und die Menschen vermissten ihre Kinder, fanden sie sie doch ganz verändert und ganz jämmerlich. So mancher behauptete gar, sein Kind sei ihm in der Höhle gänzlich verloren gegangen. Die Menschen machten Radau, schrien und schimpften und forderten die Minister auf, der Höhlenspuk müsse ein Ende haben. Als die Minister nun zum dritten Mal mit dem Rattenfänger sprachen, war dieser Mann, flink wie in Wiesel und ebenso wendig in seinem Oberstübchen, um eine Antwort nicht verlegen:

 

Fallstricke kennenlernen, Gefahren vermeiden lernen – Rattenfänger die dritte

Es sei wahrhaftig keine Lösung, die Kinder aus der Höhle auszusperren. Freilich, die Gefahren des Höhlenlebens lägen auf der Hand, diese hätte ja niemand und auch am allerwenigsten er selbst je leugnen wollen. Somit säße man nun aber gemeinsam in der Patsche, denn es täte sich ein unvermeidbares Dilemma auf: Mit Fug und Recht werde betont, dass Kinder vor den Höhlen-Gefahren geschützt werden müssten. Aussperren? Keine Lösung. Denn auf der anderen Seite, ganz klar, müssten sie lernen, sich vor Gefahren und Herausforderungen der Höhlenwelten zu schützen. Dazu müssten sie aber die Höhlen beizeiten betreten. Denn wie sonst könnten wie die Fallstricke des Höhlenlebens rechtzeitig, mithin in prägsamen, jungen Jahren kennenlernen, um sich davon später nicht fesseln zu lassen – um gefeit zu sein vor den Verlockungen und Verstrickungen. Zudem, so sprach der Rattenfänger weiter: Die ganze Welt sei ja zur Höhle geworden, jedermann wisse doch, dass Höhlen schon lange nicht mehr nur als Ort der Bildung aufgesucht würden. Also müsse man sich behelfen, und in dem diesem Dilemma kluge Entscheidungen zum Wohle und zum Besten der Kinder treffen: Kurzum, er bot an, nun in den Höhlen die Kinder vermehrt auf die Fallstricke und Gefahren des Höhlenlebens vorzubereiten. Das schien den einen nur billig und recht. Die anderen fragten, ob man dem Rattenfänger mit seinem Wendehals und seiner flinken Zunge nicht schon genug Goldtaler in den Beutel gespült hätte…

 

Da endet nun unser Märchen. Wer ganz ernsthaft und in weniger blumigen Worten die historische Entwicklung des Diskurses um Medienbildung nachlesen möchte, dem seien an dieser Stelle die Bücher von Edwin Hübner (Anthropologische Medienerziehung. Grundlagen und Gesichtspunkte, 2005) und Jesper Balslev (Evidence of a Potential, 2020) empfohlen. Die ersten beiden Kapitel des Märchens, die man ganz knapp als medien-didaktische Chance (Digitalisierung als Lernmittel) und medien-pädagogische Chance (Medienkompetenzförderung als Ziel) benennen könnte, sind ausführlich beschrieben. Die dritte Chance des Rattenfängers, also die aktuelle Wendung mit den Dilemma-Narrativen sind darin aber noch nicht enthalten. Aber sie finden sich im Zentrum einer aktuellen Stellungnahme, die unter anderem von der Gesellschaft für Medien und Kommunikationskultur veröffentlicht wurde, und sich auf die Debatte um Smartphoneverbote bezieht. Die Schlagzeile, unter der hierüber in Print- und Onlinemedien berichtet wurde: «Medienbildung statt Verbote».

 

Traditionalismus und Rechthaberei sind nicht angebracht

Was die Sache so kompliziert macht, ist die Tatsache, dass der Protest viele Halbwahrheiten enthält: Tatsächlich ist es keine Lösung, zu einer Pädagogik wie vor hundert Jahren zurückkehren zu wollen. Tatsächlich wünschen sich Eltern, dass ihre Kinder in den Bildungsinstitutionen das Rüstzeug bekommen, um gegen Digital-Risiken gewappnet zu sein. Tatsächlich ist unrealistisch, so zu tun, als würden Kinder nicht in einer zunehmend digital geprägten Welt groß werden. Wir empfinden daher die Rechthaberei einiger Kolleg:innen nicht zielführend: («Das haben wir ja schon immer gesagt, dass Bildungs-Digitalisierung/Tablet-Klassen/Lern-Apps zum Scheitern verurteilt sind. Endlich sieht man, dass wir recht hatten!»), zumindest dann nicht, wenn sie nicht mit zeitgemäßen Vorschlägen für Handlungsoptionen, sondern mit Traditionalismus verknüpft ist. Aber zurück zu den Wahrheiten hinter dem Protest. Ja, tatsächlich ist es nicht wirksam, ausschließlich in der Schule die Nutzung von Smartphones einzuschränken, wenn außerhalb der Schulzeit alles beim Alten bleibt – das zeigt eine aktuelle Studie von Victoria Goodyear und Kollegen aus Großbritannien, die dazu kommentierte: «Smartphone bans are not enough.» Tatsächlich hat die oben genannte Stellungnahme der GMK auch im Original einen differenzierteren Titel als die Schlagzeile „Medienbildung statt Verbote“, nämlich „Medienkompetenz statt pauschaler Smartphone-Verbote“. Dennoch liegt ein Denkfehler darin, nämlich die Behauptung, dass Schutz vs. Befähigung gegeneinanderstehen. Das begründet sich in der unhinterfragten Annahme, man werde am Bildschirm fit für den Bildschirm, man brauche Tablets um über Digital-Risiken aufzuklären. Man kann sich diese schräge Behauptung einmal auf der Zunge zergehen lassen: Man erwirbt am Smartphone die Fähigkeiten für einen guten Umgang mit Social Media!? Der Forschungsstand zeigt deutlich, dass Kinder am Smartphone die sozialen Fähigkeiten verlernen, oder schlimmer, gar nicht erst erwerben, die für eine halbwegs gesunde Social Media Nutzung Voraussetzung wären: Sprach- und Kritikfähigkeit, Erleben tragfähiger Freundschaften, stabiles facettenreiches Selbstkonzept und so weiter. Wir zweifeln an, dass es ein Dilemma gibt, und empfehlen, das Wort «STATT» durch die Konjunktion «UND» zu ersetzen. Medienbildung UND Verbote. Schutz UND Befähigung.

 

Warum Dilemma-Narrative sich halten – und wie man sie durchbricht

Schade, dass wir nicht davon ausgehen können, dass der Wind sich vollständig dreht. Dafür gibt es schlicht zu viele mächtige Rattenfänger, die ihre Goldtaler davonschwimmen sehen und denen jedes Mittel recht sein wird, wieder neue Gründe zu finden, warum digitale Medien doch ins Leben von (kleinen) Kindern hineingehören. Aber wir hoffen, dass das Märchen von der dritten Chance des Rattenfängers weitererzählt wird, und Menschen zum Anzweifeln der Dilemma-Narrative anstiftet. An anderer Stelle haben wir ausführlich und anhand von Beispielen über die  Vereinbarkeit von Schutz-Zielen und Befähigungs-Zielen geschrieben: Bildmanipulation verstehen mit Solarfotografie-Projekten. Social Media Unplugged. Informatik in Bewegung – sogar im Eurythmieunterricht. Das sind alles Praxisbeispiele für die Förderung von «digitalen Kompetenzen» ohne Einsatz digitaler Bildschirmmedien – und sie werden europaweit positiv aufgenommen. Es ist sehr ermutigend, dass bei der aktuellen Überarbeitung des europäischen Medienkompetenzrahmens (DigComp 3.0) das Team des HERMMES Projekts (www.hermmes.eu) einbezogen wurde. Im Auftrag des European Research Council war Paula Bleckmann im vergangenen Sommer zu diesem Zweck nach Sevilla eingeladen.

 

Neue Materialien und Multiplikator:innen für Medienkonzeptionen

Wir sind stolz, dass wir gemeinsam mit vielen Praktiker:innen angepackt haben und federführend an der Entwicklung eines neuen Praxismaterials «Medienmündig werden – Handlungsfelder und Impulsfragen für Kitas» beteiligt waren. Es erscheint Anfang 2026, wird durch die Vereinigung der Waldorfkindergärten herausgegeben und durch die Software AG Stiftung gefördert. Die Promotion von Elisabeth Denzl hat die Konzeption als Impulsfragensammlung mit einer Unterteilung in Handlungsfelder auf solidere wissenschaftliche Füße gestellt – ein großes Dankeschön hierfür! Im Praxismaterial geht es übrigens nur am Rande um die im Rattenfänger-Märchen eingeführten und im Anschluss versachlichten übergreifenden Überlegungen. Das wäre viel zu theoretisch.

 

Schatzkiste für die Praxis

Das Material enthält vor allem eine Schatzkiste von Ideen und Impulsfragen für die pädagogische Praxis.  Es soll eine gute Balance von Struktur und Offenheit ermöglichen: Jede einzelne Kindertagesstätte muss das Rad nicht völlig neu erfinden, aber auch nicht ein fertiges Konzept übergestülpt bekommen, das dann weder zu den Kindern noch den Mitarbeitenden in der Einrichtung passt.

Dabei werden sechs verschiedene Handlungsfelder eingeführt, mit ca. einem Dutzend Impulsfragen pro Feld: Wie gelingt das Eingehen auf Medienerfahrungen einzelner Kinder, ohne dass andere Kinder in der Gruppe geängstigt werden? Wie reflektieren wir als Erwachsene, egal ob Eltern oder pädagogische Fachkräfte, unsere eigene Digitalmediennutzung? Welche Regelungen zur Nutzung digitaler Medien im Kita-Kontext durch Erwachsene wollen wir verwirklichen (zum Beispiel  beim Dokumentieren und Recherchieren)?  Welche Grenzen braucht es für die digitalen Kommunikations-Muster (Stichwort: Right to Disconnect)? Last but not least:  In welchen Alltags-Aktivitäten steckt mehr „digitale Bildung“ als wir bisher vermuteten (binäre Such-Algorithmen im «Ich sehe was, was Du nicht siehst»-Spiel)?  Wie stärken wir die «digitale» Resilienz von Kindern durch reale Menschen- und Weltbegegnung?

 

Faktor Mensch - Schulung von Multiplikator:innen

Papier ist geduldig – und Ideen werden nach unserer Erfahrung in der Begegnung von Mensch zu Mensch erst wirklich lebendig und entfalten ihre schöpferische Kraft. Anfang Februar 2026 wird es daher ein Fortbildungswochenende für die Fachberater:innen der Vereinigung der Waldorfkindergärten geben, um sich auf die Arbeit mit Kindergarten-Kollegien mithilfe von «Medienmündig werden» vorzubereiten.  Eingeladen sind auch die Dozent:innen an unseren Ausbildungsstätten. Die Regionen innerhalb Deutschlands arbeiten unterschiedlich, die Fachberatung  ist in allen Regionen etabliert und aktiv. Die Fachberater:innen  werden in der Form, wie jede Region das für sich entscheidet, in Kontakt mit den Kindertageseinrichtungen gehen: Mit z.B. Inhouse-Seminaren, Fachtagen mit mehreren Kindertageseinrichtungen oder als Regionaltagung, mit oder ohne externe Dozent:innen. Durch die Förderung der Software AG kann jede Waldorf-Kindertageseinrichtung ein Exemplar des neuen Materials erhalten – vorausgesetzt das Kollegium lässt sich in einem der Formate zum Einsatz des Materials schulen.

 

Wenn wir im Jahr 2026 100 Jahre Waldorfkindergärten feiern, passt «Medienmündig werden» so gut ins Gesamtbild, weil wir damit letztlich Orte zu stärken wünschen, an denen echte Kindheit mit allen Sinnen erlebt werden kann. Wir danken sehr für die Unterstützung durch die Software AG Stiftung und hoffen, dass das Material vielen Kindern in unseren Einrichtungen und auch darüber hinaus zugutekommen kann.

 

Zu den Autorinnen:

Prof. Dr. Paula Bleckmann ist Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn, Buchautorin und Mitgründerin des Präventionsprogramms «ECHT DABEI».

 

Birgit Krohmer ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Vereinigung der Waldorfkindergärten.

Hinweis: Der Artikel ist in der Winterausgabe (04/2025) der Zeitschrift »Erziehungskunst frühe Kindheit« erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.

Zurück