Sprechenlernen. Ein musikalisch-plastisches Meisterwerk
Von Rainer Patzlaff, März 2020
Mit welchen Fähigkeiten kommt ein Kind auf die Welt? Noch vor 70 Jahren waren Wissenschaftler überzeugt, dass ein Embryo im Mutterleib zu keinerlei kognitiven Leistungen in der Lage sei, ja nicht einmal Schmerzempfinden habe. Das erwies sich bald als Fehlurteil; die Wissenschaft musste vollkommen umdenken. Wie kam es zu dieser epochalen Kehrtwende?
Schon in der Mitte der Schwangerschaft, also im fünften Monat, erlangt das Hören seine volle Funktionsfähigkeit. Ab da nimmt das ungeborene Kind zum einen die mit dem seelischen Zustand wechselnden Geräusche der mütterlichen Organe wahr, zum anderen – wenn auch gedämpft – die Stimmen und Klänge aus der Umgebung. Eine besondere Stellung hat dabei die Stimme der Mutter, denn sie dringt als einzige nicht nur von außen zu dem Kind, sondern auch auf direktem Wege durch die Knochenleitung ihres Körpers bis zum schallverstärkenden Becken.
Was zählt, ist die Musik der Sprache
Längst vertraut mit dem Klang der mütterlichen Stimme und Sprache, verfügt das Kind nach der Geburt über eine Fähigkeit, die sich weltweit in Experimenten mit Neugeborenen und Säuglingen nachweisen ließ: Aus einer Vielzahl von Stimmen des gleichen Sprachraums hört es mühelos die Stimme seiner Mutter heraus. Mehr noch: Konfrontiert mit einer Vielzahl von Sprachen erkennt es unfehlbar die Nationalsprache seiner Mutter, auch wenn eine fremde Person sie spricht. Wie ist das möglich?
Überrascht musste die Forschung feststellen: Worauf wir Erwachsene beim Zuhören achten, nämlich die Bedeutung der Worte, die gedankliche Information, Grammatik und Satzbau – alles das nimmt das Kind überhaupt nicht wahr. Stattdessen richtet es im Mutterleib (pränatal) und auch danach (postnatal) seine Aufmerksamkeit intensiv auf eine Besonderheit der Sprache, die uns gewöhnlich nicht zu Bewusstsein kommt: auf den Rhythmus der Klanggebilde, auf ihre Melodiebögen, auf die Stimmfarbe, Tonhöhe und Stimmstärke, Tempo und Pausen – kurz: auf die rein musikalischen Elemente der Sprache (wissenschaftlich Prosodie genannt). Und die verfolgt das Kind mit einer solchen Ausschließlichkeit, dass es selbst bei der vertrauten mütterlichen Stimme nur dem Beachtung schenkt, was darin musikalisch geschieht. Wird die Sprechweise der Mutter monoton, ohne klangliche Reize, wendet es sich desinteressiert ab.
Musik prägt das Schreien des Babys
Wer mit den Ohren des Neugeborenen die Sprechweise eines Erwachsenen belauscht, kann nachvollziehen, dass sie prosodisch eine ganz persönliche Signatur aufweist, an der man sie erkennt. Ebenso hat auch jede gesprochene Kollektivsprache in musikalischer Hinsicht ihre unverwechselbare Prägung. Sie wirkt sich, wie ein spezieller Zweig der Babyforschung herausfand, stark auf das Schreiverhalten von Säuglingen aus: Ein deutsches Baby legt alle Kraft in den Anfang seines Schreis und zum Ende hin flaut er ab, während ein französisches Baby umgekehrt vorgeht: Es beginnt sachte und setzt den Schwerpunkt an das Ende (Abb.1). Das entspricht dem gegensätzlichen Charakter der beiden Sprachen: Das Deutsche als eine germanische Sprache legt die Betonung fast immer auf den Wortanfang, während der Franzose mit dem musikalisch freien Akzent romanischer Sprachen die Endbetonung liebt.