Das Leiden am Anspruch der Partizipation

Von Irina Baumgärtner-Schweizer, Nov. 2020

Fragt man als Kollegin in den Waldorfkindergärten nach, wie die Forderung nach Partizipation umgesetzt wird, könnten die Antworten verschiedener nicht sein: Von »Das ist ein Menschenrecht, darüber brauchen wir gar nicht reden«, bis hin zu »Bei uns machen wir das nicht.« Solche Reaktionen weisen auf ein großes Spannungsfeld hin.

Wie sieht es denn tatsächlich in der Kindergartenpraxis mit der Umsetzung von Partizipation aus? Was Partizipation theoretisch bedeutet, wie das Kinderrecht gesetzlich verankert ist, wo die neueste Abhandlung steht, ist meist bekannt. Aber wie wird dieses Recht im Praxisalltag umgesetzt? Meiner Erfahrung nach findet die Diskussion spätestens an diesem Punkt ein jähes Ende. Bestenfalls wird von beglückenden Erlebnissen berichtet: Die Kinder gestalten Feste mit, basteln Plakate und Aushänge, schmücken den Raum, überlegen, was aufgeführt werden kann ... Statt des traditionellen Laternenfestes haben sich die Kinder spontan für ein Drachenfest entschieden. Oder wenn die Kinder mit zum Einkaufen gehen, entscheiden sie selbst, welches Brot sie kaufen möchten.

Doch wo findet das Gespräch statt, wenn Partizipation misslingt? Mit wem tausche ich mich dann aus? Wer traut sich zum Beispiel auf Fortbildungen, neben all den blumig geschriebenen Artikeln über Partizipation, sich als Waldorferzieherin hinzustellen und zu sagen, dass es bei ihr so nicht funktioniert? Wo sind die kritischen Stimmen und verzweifelten Berichte zum Thema Partizipation?

Ich habe viele Kolleginnen und Kollegen aus Waldorfkindergärten befragt. Doch nur die Vertrautesten gaben mir eine ehrliche Antwort. Hier ein paar Beispiele: Endlose Diskussionen mit Kindern, wer mit wem spielen möchte oder nicht, beanspruchen manchmal fast die ganze Freispielzeit und hinterlassen unzufriedene Kinder und Erzieherinnen. Oder wie geht man als Pädagoge mit schwer umsetzbaren Forderungen der Kinder um, wenn sie darauf beharren? »Den Popo lass ich mir nicht von dir abputzen, das darf nur Mama, bitte ruf sie an.« Wie geht es mir, wenn ich die Geduld verliere und ein schlechtes Gewissen bekomme, weil die Fachliteratur mir sagt, beim Thema »Partizipation« müsse alles möglich sein? Bin ich dann ein Versager?

Wie steht es mit der Partizipation, wenn ich schlechte Arbeitsbedingungen habe, die Kollegin seit Wochen krank, die Zeit knapp ist und es beim Anziehen und Essen schnell gehen muss? Oder wenn ich allein in der Gruppe arbeite und zehn Dreijährige im Winter darauf bestehen, ihre Fingerhandschuhe unbedingt selbst anzuziehen? Warten und die Kinder machen lassen und nicht mehr in den Garten gehen? Was steht dann in solchen Situationen im Vordergrund: der funktionale Ablauf zum Wohle der Gesamtgruppe oder die individuellen Wünsche der einzelnen Kinder?

Entscheidende Fragen in einem Moment, in dem ich in der Praxis jedoch schnell handeln muss. Auch das beste Partizipationskonzept hilft mir da nicht weiter.

Von Waldorferzieherinnen wird oftmals erwartet, perfekt zu sein. Leider wird hier Perfektionismus mit Professionalität verwechselt. Ich würde mir zu dem Thema »Partizipation in der pädagogischen Praxis« eine Kultur der Diskussion wünschen, die auch Zweifel, Fragen und misslungene Beziehungen zwischen Kindern und Erziehern einschließt, ohne die Kolleginnen gleich zu verurteilen.

Fragt man nach dem Gegenteil von Partizipation, wird von vielen interessanterweise »Gewalt an Kindern« genannt. Was an den Beispielen, über die Kollegen berichten, auffällt, ist, dass sie nicht an konkrete Personen oder Einrichtungen adressiert sind, sondern global von einer veralteten Waldorfmoral gesprochen wird. Zum Beispiel wenn Kinder ihr Müsli leer essen müssen, obwohl sie satt sind. Oder wenn sie das Öltröpfchen auf der Hand verweigern und stattdessen ins Gesicht geschmiert bekommen. Was auffällt, ist, dass die Klagen verallgemeinernd geäußert werden, ohne die konkreten Ursachen und Hintergründe zu nennen. Ich bin der Überzeugung, dass wir in dieser Form dem Thema »institutionelle Gewalt« nicht professionell begegnen können. Anstatt im Kollegenkreis und in Einrichtungen bei Verdachtsmomenten konkret nachzufragen, schaffen wir eine Schweigemauer der Angst, bei der die Kinder die Leidtragenden sind.

Wir sollten den Mut haben, professionell zu reflektieren – und zwar ohne Perfektionsanspruch. In erster Linie heißt das, mich selbst und meine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Habe ich einen wertschätzenden Umgang mit mir selbst? Wie ist mein Umgang mit offener Kommunikation im Kollegium? Dazu gehört, dass ich mein Idealbild in Frage stelle, wenn es mit der Praxis kollidiert. Erst dann wird es uns gelingen, auch die Kinder in Bezug auf ihre Wünsche, Bedürfnisse, Ideen und Ängste wahrzunehmen, ohne unter dem »Erfolgsdruck« von Partizipation leiden zu müssen.

Zur Autorin: Irina Baumgärtner-Schweizer ist Dozentin an der Freien Fachschule für Sozialpädagogik in Mannheim und am Bildungswerk Köln. 25 Jahre Praxiserfahrung im Kindergarten.

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