Kindheit zwischen Lockdown und Digitalisierung

Von Rainer Patzlaff, Okt. 2022

2020/21 ereilte die Menschheit eine Katastrophe, die bis heute anhält: die Covid-19-Pandemie. Wie man in Deutschland darauf reagierte, haben wir erlebt: Die politische Führung bemühte sich vor-rangig um die Impfkampagnen, um die präventive Einschränkung der Personenkontakte sowie um den Ersatz des schulischen Präsenzunterrichts durch digitalen Fernunterricht. Bildungspolitiker sahen darin sogar einen willkommenen Nebeneffekt.

Die Corona-Pandemie, so hieß es, habe die Schwächen des deutschen Bildungswesens bloßgelegt: Die Ausstattung der Schulen mit Internet und digitalen Geräten sowie mit kompetenten Fachlehrern sei im internationalen Vergleich defizitär. Wenn der Rückstand nicht aufgeholt werde, drohe Deutschland den Anschluss an die weltweite Entwicklung zu verlieren. Und überhaupt sichere nur eine perfekte Digitalisierung die Zukunft unserer Kinder. Ohne Skrupel schickte man daher Erwachsene, Kinder und Jugendliche in die Lockdowns und in zahllose Quarantänen. Fernunterricht in Schulen und Hochschulen, Telekonferenzen und Homeoffice wurden zum Alltag.

Zerstörte Lebenssicherheit durch pädagogische Ignoranz

Erst im Frühjahr 2021 dämmerte der Öffentlichkeit, was man Kindern und Jugendlichen angetan hatte, indem man ihnen, die am wenigsten zur Verbreitung des Virus beitrugen, die Kindergärten und Schulen verschloss und sie auch außerhalb der Lockdowns wochen- und monatelang in die Verbannung am heimischen Computer schickte. Der Erfolg war mehr als fragwürdig: Zwar konnten sich manche Schulen rühmen, den Teleunterricht recht gut gemeistert zu haben.

Aber was zählte das angesichts der Tatsache, dass ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen ohne eine Covid-Infektion an psychischen Auffälligkeiten litt und die psychiatrischen Kliniken in Deutschland einen Ansturm ohnegleichen erlebten? (Der Spiegel, 8.5.2021) Sieht Zukunftssicherung so aus?

Noch dramatischer war die Lage bei Kindern im Alter von 3 bis 10 Jahren: Therapeuten, Ärzte und Psychiater beobachteten bei einer erschreckend hohen Zahl neben diffusen Ängsten und Verunsicherung ernsthafte Entwicklungsstörungen, alarmierende Gewichtszunahme, Ticks, Verlustängste, Schreien im Schlaf, Selbstverletzungen, Zerstörungswut, Flucht in den inneren Rückzug bis zum Verstummen, ferner sehr verbreitet psychosomatische Beschwerden wie Lethargie, Niedergeschlagenheit, Kopf- und Bauchschmerzen (Der Spiegel, 8.5.2021).

Erfahrene Fachleute berichteten, wie erschüttert sie waren, schon bei Kindern auf dumpfe Trauer, erloschenen Lernwillen, Resignation und sogar Suizidgedanken zu stoßen.

Die Bildungspolitik nahm von alledem keine Notiz. Hier zeigte sich die wahre Schwäche unseres Bildungssystems: Nicht die mangelhafte Digitalisierung war das Problem, sondern die beispiellose Missachtung des in der UNO-Kinderrechtskonvention garantierten Anspruchs aller Kinder auf eine gesunde Entwicklung. Der Fernunterricht reduzierte dieses Recht auf bloße Wissensvermittlung per Bildschirm. Und nur um die ging es auch in den offiziellen Verlautbarungen, in denen stereotyp über »kaum mehr aufholbare Lerndefizite« geklagt wurde; von den gesundheitlichen Folgen war keine Rede.

Eines steht nach diesen Erfahrungen fest: Die Lernerfolge eines Kindes sind nicht davon abhängig, dass es zu Hause und in der Schule über ein digitales Endgerät verfügt, sondern davon, dass es einen direkten Umgang mit anderen Kindern und Erwachsenen pflegen kann und freien Zugang hat zur handfesten, sinnlich erlebbaren Welt statt zu virtuellen Surrogaten davon. Die hautnahe Begegnung mit Welt und Mensch ist die Lebensluft, in der Gesundheit und Leistungsfähigkeit junger Menschen gedeihen. Dann werden auch Surrogate verkraftbar.     

Ein rätselhafter Vorläufer der Pandemie

Die deutschlandweite COPSY-Studie kam 2021 zu dem Ergebnis, dass sich der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten im Vergleich zur Vor-Coronazeit verdoppelt hatte.1 Man könnte daraus den Schluss ziehen, vor der Pandemie sei die Lage noch normal gewesen. Dem ist aber nicht so. Am 24. Oktober 2018, also rund ein Jahr vor dem ersten Auftauchen des SARS-CoV-2-Virus, titelte das Deutsche Ärzteblatt »Immer mehr junge Menschen sind psychisch krank« und referierte folgende Zahlen:

Nach Angaben der Studie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland waren zuletzt etwa 16,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig. Dem Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit zufolge hatten sogar 26 Prozent der Jungen und Mädchen psychische Leiden.

Krankenkassen, so hieß es weiter, meldeten, dass sich die Zahl der Behandlungen von Kindern und Jugendlichen wegen Anpassungs-, Angst- oder Schlafstörungen, Burnout, Depression und anderen Beschwerden in der Zeit von 2007 bis 2017 »teils um mehr als 100 Prozent« erhöht habe.

Der in der Corona-Zeit bis 2021 verzeichnete Anstieg hatte demnach in dem Jahrzehnt von 2007 bis 2017 einen Vorläufer, bei dem auch schon eine Verdoppelung der Behandlungszahlen eintrat. Was galt aber damals als Ursache?

Das Ärzteblatt notierte dazu 2018: »Als Ursachen gelten der hohe Leistungsdruck durch Schule und Eltern, digitale Reizüberflutung, Mobbing in sozialen Netzwerken sowie Versagensängste.« Diese Gründe mögen für 2018 zutreffend gewesen sein; sie reichen jedoch nicht aus, um die horrende Zuspitzung der psychischen Belastungen während der Covid-Pandemie zu erklären. Das schulische Setting war ab 2020 so stark verändert, dass noch etwas anderes im Spiel gewesen sein muss.

Dem möchte ich im Folgenden nachgehen.

Was uns die Covid-Pandemie lehren konnte

Der Klimawandel und die Umweltprobleme weckten in vielen Menschen die Sorge um das Ökosystem der Erde, von dem unser Leben physisch abhängt. Die Pandemie hingegen vermochte uns für die Unentbehrlichkeit seelischer und geistiger Nahrung zu sensibilisieren, denn in der Isolation des Lockdowns wurde stark empfunden, wie die Seele dürstet und der Geist vertrocknet, wenn wir nicht präsente Menschen vor uns haben, aus deren Blick, Stimme und Habitus ihr inneres Leben spricht und die uns im Gespräch mit Impulsen und Ideen bereichern. Ähnliches tritt ein, wenn uns der Zugang zur Natur verwehrt wird: Erst dann wissen wir zu würdigen, wie wohltuend sie uns berührt und erfrischt, wenn wir mitten in ihr sind.

Was der Erwachsene hier für sich entdeckt, ist für das kleine Kind von Anfang an ein elementares Lebensbedürfnis: Instinktiv sucht es im Blick und der Stimme anderer Menschen die Individualität, deren geistiges Feuer sein eigenes Ich beglückt. Draußen in der Natur ist es erfüllt von Eindrücken und saugt die Wunder der gottgeschaffenen Welt freudig in sich auf.

Das alles bedeutet ihm »Rückbindung« (lateinisch: religio) zu jenem übersinnlichen Reich, aus dem es auf die Erde gekommen ist, und stärkt es für seinen Einzug in den irdischen Leib.

Wer in der Pandemie durch schmerzliche Entbehrung erfahren musste, was das wirklich Wesentliche für uns Menschen ist, der wird die grandiosen Leistungen der Computer und Bildschirme nüchtern-realistisch einzuschätzen wissen: Das Gerät kann uns durchaus mit anderen Menschen verbinden, und doch reicht das virtuelle Abbild niemals an das ungleich reichere Erlebnis während einer direkten Begegnung heran, vor allem dann nicht, wenn man den Partner zuvor nie live kennengelernt hat. Ebenso können Filme von fernen Ländern und kulturellen Sehenswürdigkeiten nie die Fülle von Erfahrungsmöglichkeiten bei persönlicher Anwesenheit vor Ort ersetzen, sie sind und bleiben ein Surrogat.

In dem oben zitierten Artikel aus dem Ärzteblatt wurde das Jahr 2007 genannt als Beginn einer Verdoppelung der psychischen Leiden unter Kindern und Jugendlichen. Es ist zugleich das Jahr, in dem am 9. Januar in den USA ein digitales Wunderwerk vorgestellt wurde, das seitdem von nahezu der gesamten Menschheit intensiv genutzt wird: Apples iPhone, dem dann viele andere Firmen nacheiferten. Wir haben schon alle erlebt, wie dieses Wunderwerk im heutigen Alltag benutzt wird: Man blickt weder auf den Nachbar noch schaut man interessiert auf die Umgebung, der Blick klebt unablässig am Bildschirm. Man begibt sich freiwillig in eine Art von Lockdown – dessen Faszination freilich die Entfremdung von der Welt vergessen lässt.

Dazu gehört die Feststellung der Statistiker, dass Handynutzer im Schnitt pro Tag 80mal auf den Bildschirm blicken, um keine Neuigkeit zu verpassen.

In Deutschland werden täglich 51/2 Stunden dem Handy und anderen Bildschirmen gewidmet, im weltweiten Durchschnitt 7 Stunden. So nützlich diese Geräte auch sind, so verführen sie doch dazu, einen beträchtlichen Teil der Lebenszeit in einem Zustand zu verbringen, der den Namen Lockdown verdient, weil er uns für die Dauer der Nutzung rigoros von der direkten Begegnung mit Welt und Mensch fernhält. Bei Jugendlichen sind die Nutzungszeiten meist noch viel länger, mit der Folge, dass viele von ihnen psychisch in die Gefangenschaft einer der Bildschirmsüchte geraten, die von der WHO als reguläre Krankheiten anerkannt sind.

Bildschirmkonsum sabotiert den Inkarnationsvorgang

Es handelt sich nicht darum, den Bildschirm zu verdammen; er ist Teil unserer heutigen Welt. Weil er aber Gefahren birgt, denen sich selbst Erwachsene nur schwer entziehen können, ist die Frage zu stellen, welche Wirkung seine Nutzung auf die kindliche Entwicklung hat. Dazu gibt es eine ältere Studie, die noch vor der Einführung mobiler Bildschirmmedien entstand und deshalb nur auf den Fernsehkonsum abheben konnte, schon dort aber die Tendenzen vorfand, die heute extreme Ausprägungen gefunden haben.

Erstellt wurde die Studie von den Göppinger Amtsärzten Winterstein und Jungwirth, die sich dem Thema auf besondere Weise näherten, indem sie 2004 und 2005 bei den routinemäßigen Einschulungsuntersuchungen die Eltern u.a. fragten, wie umfangreich der Fernsehkonsum ihres Kindes bis dahin im Schnitt pro Tag gewesen sei.

Zusätzlich zogen sie die sogenannte Mensch-Zeichnung heran, die das Kind während der Untersuchung ohne jede Vorgabe angefertigt hatte – eine bewährte Praxis zur Beurteilung der Schulreife, denn in diesem Alter zeichnen Kinder den Menschen stets so, wie sie ihren eigenen Leib von innen heraus erleben (Propriozeption nennt das die Fachsprache). Die Auswertung der im Laufe der Studie entstandenen Bilder von 1.894 Kindern (sechstes und siebtes Lebensjahr) ergab schockierende Ergebnisse, die 2006 veröffentlicht wurden.2

Die folgende Abbildung 1 zeigt daraus ein Beispiel:

Hinweis: Der Artikel ist in der Herbstausgabe (03/2022) der Zeitschrift »Erziehungskunst frühe Kindheit« erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.

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