«Teddy lebt!» Begleitung von Sterben und Tod im Umfeld von Kindern

Von Felicia Holland, Sept. 2026

Wenn in der Umgebung von Kindern Menschen sterben, sind wir manchmal unsicher, wie wir handeln sollen. Lesen Sie hier Anregungen, wie wir Kinder begleiten können.

Vor kurzem begleitete ich als Pfarrerin der Christengemeinschaft eine Frau, die gerade verstorben war. Zur Abschiedsfeier versammelte sich die ganze Familie um den offenen Sarg in unserem Aufbahrungsraum. Die Verstorbene war zu Lebzeiten Handarbeitslehrerin gewesen, und so wollten die erwachsenen Enkel ihr einen von ihr gefertigten Teddy mit in den Sarg legen. Die zweijährige Urenkelin jedoch hielt den Teddy fest im Arm. Spontan wurde entschlossen, dass der Teddy in den Besitz der Urenkelin übergehen sollte. Nach der Zeremonie der Aussegnung standen alle noch versammelt um den Sarg, die Urenkelin betrachtete den Leichnam der Uroma nachdenklich. Ich vermittelte: „Die Uroma braucht jetzt ihr Erdenkleid nicht mehr, das hat sie jetzt abgelegt, das ist gestorben und liegt jetzt hier“. Das kleine Mädchen sinnierte darüber etwas weiter, strahlte auf einmal, drückte den Teddy an sich und sagte: «Teddy lebt!!!» 

Diese spontane Äußerung bringt auf den Punkt, was ich sehr häufig mit Kindern im Umgang mit dem Sterben erlebt habe: Gerade im Vorschulalter tut es den Kindern gut, wenn sie von Erwachsenen begleitet werden, die geübt sind, mit dem Sterben umzugehen. Und sie brauchen etwas Zeit, ihre natürliche Neugier und ihren Forscherdrang zu leben. Dann haben sie oft einen ganz originellen und leichten Umgang mit dem Tod, finden eigene natürliche Lösungen und zeigen unbefangen, was in ihnen vorgeht. 

 

Kinder im Umgang mit dem Tod

 

Das führt mich zu der Frage: Wie kommt es, dass immer wieder Erwachsene kleinere Kinder von dem näheren Umgang mit dem Sterben, von Erlebnissen im Umkreis von Bestattungen oder den Trauerprozessen lieber fernhalten möchten? Woher kommt diese Scheu? Ist es Angst davor, die Kinder könnten damit überfordert sein? Aus dem, was ich an Erfahrungen mit Kindern im Umgang mit Sterben und Tod erfahren und selbst praktiziert habe, beobachte ich immer wieder, dass die Kinder im 1. Lebensjahrsiebt eigentlich kein Problem damit haben. Schwierigkeiten, Scheu, Angst und Unsicherheiten erlebe ich vielmehr bei älteren Kindern und vor allem bei Erwachsenen. Das führt mich zu einer Reihe von weiteren Fragen: 

Kann es sein, dass durch ein Schicksalsereignis, wie es das Sterben eines vertrauten Menschen ist, an den Grundfesten unseres eigenen Weltbildes gerüttelt wird? Dass die Frage, was für mich persönlich Mensch-Sein bedeutet, auf einmal nicht mehr nebenbei abgehakt werden kann? Dass es auf einmal darum geht: Was sind denn meine eigentlichen Grundüberzeugungen vom Sinn des Daseins und was bedeutet für mich persönlich ein «erfülltes Leben»? Es taucht im Grunde die alles entscheidende Frage auf: Denke ich, dass wir Menschen geistige Wesen sind? 

Der französische Philosoph und Paläontologe Pierre Teilhard de Chardin sagte: «Wir sind nicht menschliche Wesen, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen.» 
Kann ich das – vielleicht zunächst als Arbeitshypothese – annehmen? Was geschieht mit meinem Weltbild, wenn ich mir das vorstelle? Und wenn ich sogar beginne, mich in die Dimension hineinzufühlen, wenn ich diese Aussage einmal probehalber an mich selbst und meine Vorstellung vom Menschsein heranlasse? 

 

Der Mensch als göttlich-geistiges Wesen

 

Indem ich mit dem Gedanken lebe, dass wir alle eine göttlich-geistige Heimat haben, kann ich den Tod eines Menschen eher als Übergang in diese heimatliche Sphäre anerkennen. Dann kann der Tod eines nahestehenden Menschen natürlich immer noch einen schweren Verlust bedeuten für mein alltägliches Leben und auch für alles, was ich vielleicht gerne noch mit diesem Menschen gemeinsam unternommen hätte. Gleichzeitig kann ich vielleicht mit der Tatsache leben lernen, dass der geliebte Mensch nicht einfach nur «weg» ist, sondern in feinstofflichen, quasi geistig-seelischen Ebenen nach wie vor irgendwie «da» ist. Ich kann die Trauer leben mit allen Gefühlen, die auftauchen und gleichzeitig bleibt eine feine Verbindung zu dem Menschen, der nun von der «anderen Seite her» mein Leben begleiten kann. 

Neulich im Zug wurde ich zufällig Zeuge eines Dialoges zwischen zwei Fahrgästen. Es ging um die Frage, was nach dem Tod geschieht. Die Frau sagte: «Also früher dachte ich immer, dass nach dem Tod einfach Schluss ist. Und dann ist mein Opa gestorben und ich habe lange an seinem Bett gesessen. Das war völlig verrückt, denn es war einfach etwas da, er war nicht weg! Ich kann das schwer erklären, aber es war so.»
Und in dieser Ebene sind die kleineren Kinder oft mehr zu Hause als wir Erwachsenen in unserem Alltag. Was ist da anders? 

 

Raum und Zeit


Kleine Kinder haben einen anderen Bezug zu Raum und Zeit. Sie leben konkreter im gegenwärtigen Moment. 
In der altgriechischen Sprache gibt es zwei Worte für Zeit: Chronos und Kairos. Chronos benennt unsere chronologische Zeitstruktur, wo ein Ereignis nach dem anderen erfolgt mit Ursache und Wirkung. Wo wir Zeitpläne haben, den Tag strukturieren und funktionsfähig sind. Kairos hingegen beschreibt die geistesgegenwärtige Dimension des Augenblickes, lässt die Qualität der Zeit im Moment erfahren und bringt uns in Verbindung mit allen Ebenen des gegenwärtigen Seins. Man könnte auch sagen, während wir im Chronos eher das erlebte «Nacheinander» der Zeitereignisse wie hintereinander getaktet erleben, kann Kairos uns im Augenblick ein Gefühl von Ewigkeit erfahrbar machen. Wie Wagner es im Parsifal sagt: Zum Raum wird hier die Zeit. Wenn Kinder ins Spiel vertieft sind, erleben sie Kairos-Qualität, die Zeit scheint ewig. Und ob der Tagesablauf funktioniert, spielt für sie keine wirkliche Rolle. Indem sie die Zeit qualitativ als ewig erleben, sind sie «dem Himmel» näher als wir. Auch die räumliche Dimension wird noch völlig anders wahrgenommen. Die kleinen Kinder verschmelzen mit ihrer Umgebung. Bei einem Neugeborenen, das in der Wiege schläft, kann man sogar erleben, dass es den ganzen Raum erfüllt. Auch bei sehr alten Menschen kann man dies beobachten. Greise Menschen leben mehr im Kairos, die chronologischen Zeitabläufe betreffen sie nicht mehr so sehr. Sie machen auch tagsüber immer wieder mal kleine Schläfchen und auch die Tag-Nacht-Struktur verliert an Schärfe. 
Und wenn man einen Raum betritt, wo eben jemand gestorben ist, kann man den Eindruck haben: Der ganze Raum ist «voller Mensch» – wie bei dem Neugeborenen in der Wiege. 

 

Tod als Teil des Lebens

 

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, warum für kleine Kinder die Schwellen-Übergänge von Geburt und Tod oft viel selbstverständlicher Teil ihres Lebens sein können, als für uns Erwachsene, die das verlernt haben. Manchmal können sie dabei auch unmittelbarer Zusammenhänge der übergeordneten Dimension intuitiv erfassen und aussprechen in einer Weisheit und Genialität, wie sie uns später eher verloren geht. Und gleichzeitig sind sie mit ihrer Umgebung direkter verwoben und offener für Stimmungen, Gedanken und Empfindungen der Menschen ihrer Umgebung. Dadurch wird verständlich, warum Kinder Ängste und Schwierigkeiten der Erwachsenen viel direkter übernehmen. Stimmungen im Raum betreffen sie unmittelbar und existenziell, sodass ihr eigener natürlicher Umgang dadurch vielleicht sogar irritiert und beeinflusst werden kann, oder zumindest keine förderliche Unterstützung erfährt. 

 

Konkret handeln

 

Wie wäre es, wenn in unserer Gesellschaft das Sterben zum Leben dazugehörte als natürlicher, menschlicher Vorgang ebenso wie das Gebären? Die Gebräuche und Rituale verschwinden in unserer Gesellschaft, dennoch wird dadurch ein Handlungsspielraum offenbar, den wir mit eigenen Möglichkeiten erfüllen könnten. Wie wäre es, wenn wir auch die geistige Dimension unseres Daseins als Möglichkeit, als Weltbilderweiterung in unser Lebensgefühl aufnehmen würden? Und wenn wir diese Erweiterung auch dann in unser Leben miteinbeziehen würden, wenn wir mit dem Sterben umgehen? 
Dann würde man eher einen lebendigen Zugang bekommen, Handlungsspielräume würden sichtbarer werden. Beispielsweise kann man Blumen mit den Kindern pflücken, den Sarg mit Farben bemalen, Bilder gestalten, diese mit in den Sarg legen. Man kann der oder dem Verstorbenen noch Dinge sagen in dem Bewusstsein, dass dieser Mensch es hört. Man kann vermitteln, wie besonders es ist, beispielsweise ein Geschwisterchen im Himmel zu haben, das auf unser Leben mit Himmelsaugen schaut. Dabei wird die eigene Haltung zu diesen Themen sich den Kindern mehr mitteilen als der jeweilige Inhalt. Worthülsen werden von Kindern eher nicht anerkannt oder wahrgenommen werden können. Sie hören durch die Worte vielmehr die Haltung hindurch, die der Erwachsene selbst für wahr hält.

Erfahrene Trauerbegleiter:innen sind sich darin einig, dass der Bewältigungsprozess im Umgang mit dem Sterben erheblich erleichtert wird, wenn die Beteiligten etwas Konkretes tun, und nah am Geschehen beteiligt sein können. 

 

Mut und eine offene Haltung

 

Indem wir den Mut finden, uns mit unseren eigenen Weltanschauungsfragen persönlich und individuell auseinanderzusetzen, werden wir geeignetere Begleiter unserer Kinder sein können. Es geht dabei nicht um Perfektion und umfassendes «Wissen». Vielmehr kommt es darauf an, sich mit offener Haltung und neugieriger Bereitschaft auf das einzulassen, was im Umgang mit dem Sterben erfahren werden kann. Dann können diese konkreten Erfahrungen unsere Lebensfreude bereichern. 

Will man den Kindern den Umgang mit dem Tod ersparen, erschwert man ihnen einen umfassenden und souveränen Umgang mit dem Leben. Es macht Mut zum Leben, wenn man das Sterben als einen selbstverständlichen Teil davon betrachten darf, der nicht zum Verstummen führt, sondern besprechbar ist. Es hilft, Worte und gemeinsame Handlungen finden zu dürfen.

 

Zur Autorin: Felicia Holland ist Pfarrerin der Christengemeinschaft, Lehrerin für Religion und Ethik an der Freien Waldorfschule Hannover-Maschsee, Dozentin am Waldorfkindergartenseminar Hannover, von 2008 bis 2019 in der freien Kunst und Erwachsenenbildung tätig gewesen, 2001 examinierte Hebamme am Krankenhaus Berlin-Neukölln.

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