Wie viel Wärme braucht mein Baby?
Von Inge Heine, Juni 2021
Wir Menschen leben mit einer im Tagesrhythmus geringfügig schwankenden Körpertemperatur von ca. 37°C. Diese erhalten wir aufrecht, auch wenn die Außentemperatur höher oder niedriger ist. Nur wenn wir diesen Ausgleich zwischen innen und außen herstellen, fühlen wir uns wohl.
Wenn es draußen schneit, bewegen wir uns schneller, nehmen kalorienreiches Essen zu uns und ziehen uns warm an. In der Sommerhitze werden wir träge, schwitzen, trinken viel und suchen Kühlung.
Auch unser seelisch-geistiges Leben beschreiben wir mit Wärmequalitäten.
Freude, Sympathie und Begeisterung assoziieren wir mit Wärme – Gleichgültigkeit, Antipathie oder Herzlosigkeit mit Kälte. So schafft unser Organismus ein Wärmegefüge von annähernd gleichbleibendem Niveau und hält es gegen Einflüsse von innen und außen aufrecht. Beim Neugeborenen haben wir eine völlig andere Situation.
Die Wärmephysiologie des Neugeborenen
Während der Embryonalentwicklung ist der heranwachsende Keim zunächst vom Amnion als schützender und nährender Hülle umgeben. Eingebettet in die Gebärmutter ermöglicht sie ein gesundes Heranreifen. Den Fötus umgibt das Fruchtwasser, das die Temperatur des mütterlichen Organismus hat. Bei der Geburt werden dem Neugeborenen die nährenden, schützenden und wärmenden Hüllen entrissen. Mit der Abnabelung emanzipiert sich sein Blutkreislauf, die Umgebungstemperatur wird nicht mehr durch den mütterlichen Organismus reguliert. Da der Wärmeorganismus des Neugeborenen nach der Geburt noch nicht ausgereift ist, verliert es unbekleidet und ohne Hautkontakt seine Eigenwärme vor allem über den im Verhältnis zum Körper sehr großen Kopf. Auch über die noch geöffnete Fontanelle verliert es viel Wärme. Deshalb hüllen Eltern ihr nacktes Neugeborenes instinktiv mit ihren warmen Händen und Armen ein. Die Hebamme sorgt für einen warmen Raum und hält vorgewärmte Tücher bereit. In dieser Geste des Hüllens fühlt sich das Kind willkommen, gehalten, sicher und geborgen.
Das Neugeborene ist mit braunem Fettgewebe ausgestattet, das rund fünf Prozent seines Körpergewichts ausmacht. Dieses für das Neugeborene spezifische Fettgewebe kann selbst Wärme produzieren, erstreckt sich über den ganzen Körper und ist im Nacken besonders konzentriert. Wenn es dort kühl ist, braucht das Baby mehr Wärme. Schwitzt es dort, darf es leichter bekleidet sein.
Die Wärmebildung durch Nahrung und Bewegung gleicht die Wärmeabstrahlung nicht vollständig aus. Das Neugeborene braucht eine wärmeregulierte Umgebung, entsprechende Bekleidung und die seelische und körperliche Wärme der Mutter. Nur so kann es vor Auskühlung und Überwärmung geschützt werden. Es ist darauf angewiesen, dass von außen für ausreichend Wärme und Hülle gesorgt wird. Bei einer Körpertemperatur unter einem Grad des normalen Messwerts verbraucht der kleine Organismus das Dreifache an Sauerstoff. Dies beeinflusst Gewichtsentwicklung und Reifung. »Kühle« Neugeborene haben ein höheres Risiko, eine Neugeborenengelbsucht zu bekommen. Hier kann die noch unreife Leber durch warme Be-kleidung, Stoffwindeln mit Wollüberhosen und Wärmeauflagen unterstützt werden (Edmond Schoorel: Wärme und ihre Bedeutung für das heranwachsende Kind).
Mutter und Kind bilden beim Stillen eine eindrückliche Wärmesymbiose. Dies ist anders bei Kindern, die mit der Flasche ernährt werden, wie eine Aufnahme mit der Wärmebildkamera zeigt:
Hinweis: Der Artikel ist in der Frühlingsausgabe (01/2021) der Zeitschrift »Erziehungskunst frühe Kindheit« erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.