Wut - ein starkes Gefühl
Von Birgit Ertl, Juni 2026
Wutanfälle gehören zum Alltag mit Kindern. Doch hinter dem lauten Protest steckt ein wichtiger Entwicklungsschritt. Wie Eltern diese starken Gefühle verstehen und hilfreich begleiten können, zeigt dieser Beitrag.
Alfons flippt aus, wirft sich auf den Boden und schreit lauthals, weil sein Vater die Tür geöffnet hat - er wollte das tun! Amelie weigert sich das belegte Brot zu essen und brüllt sich in eine Wut hinein, weil es «falschherum» geschnitten wurde. Sofie hat sich auf den Boden geworfen, weil sie ihr Trinkglas partout nicht zurückgeben will.
Wir alle kennen solche oder so ähnliche Situationen, die den Alltag mit Kindern durchziehen, scheinbar aus dem Nichts heraus entstehen und aus unserer Sicht «sinnlos» bzw. übertrieben sind. Wie ist es aber aus der Sicht der Kinder? Was bewegt sie, so vehement zu reagieren und sich ganz in ihrer Wut aufzulösen?
Wutanfällen positiv begegnen
Wir könnten diese heftigen Wutanfälle auch als Entwicklungsschritt unserer Kinder feiern. Mit ihnen wird uns deutlich, dass die Kinder eine wichtige neue Stufe erreicht haben. Sie haben ihre Eigenständigkeit, ihren eigenen Willen entdeckt, der sich oft vom Erwachsenenwillen unterscheidet. Ihr eigenes Ich blitzt heraus – in der Abgrenzung zu anderen Menschen wird dies besonders deutlich. Die Kinder erleben sich als eigenständige, autonome Wesen mit ihren ganz eigenen Willensimpulsen und Vorstellungen. Gerade heute, wo sich viele Eltern bemühen, an den Bedürfnissen der Kinder orientiert den Alltag zu gestalten, treffen die Wutanfälle der Kinder oft auf Unverständnis oder auf die Frage: «Was habe ich falsch gemacht, welches Bedürfnis habe ich nicht erfüllt?» Doch für sich selbst einzustehen und das auch lautstark zu vertreten sind wichtige Entwicklungsschritte. Die Wut der Kinder ist ein Zeichen dafür, dass sie sich mehr Raum und Autonomie verschaffen wollen. Sie machen darauf aufmerksam: «Dein Blick auf meine Bedürfnisse stimmt so für mich nicht: Ich habe mich weiterentwickelt und bin auf dem Weg mich selbst kennenzulernen. Ich möchte etwas anderes als du meinst.»
Bedürfnis nach enger Beziehung und Eigenständigkeit
Auch sind die Bedürfnisse von Kindern oft widersprüchlich: Einerseits wollen sie eine enge Beziehung und sich ganz festhalten an den Eltern und andererseits haben sie das Bedürfnis nach Autonomie und Eigenständigkeit – und wollen möglichst alles alleine machen. Die Botschaft lautet oft: «Halt mich ganz fest und lass mich ganz los.» Die Kinder loten das jeden Tag mit sich selbst aus, um mit ihrer Widersprüchlichkeit irgendwie zurechtzukommen. Kein Wunder kommt es dabei zu heftigen Gefühlsausbrüchen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass sich Kinder oft und ganz eigenständig ausprobieren und dadurch sich selbst erfahren können – auch körperlich. Mit ihrer Wut machen die Kinder deutlich, wie es ihnen geht, sie verdeutlichen ihre eigenständigen Vorstellungen und machen Versuche damit, wie sie ihren Standpunkt verteidigen können.
Die Frage «Warum schreit sich mein Kind so in die Wut hinein?», ist für Eltern nicht hilfreich. Stattdessen hilft die Frage weiter: «Wozu ist die Wut gut, was nützt sie?»
Wut offenbart, wie es den Kindern momentan geht und wie sie die Situation einschätzen. Das Kind macht z.B. deutlich: «So stimmt es nicht, mein Bedürfnis ist nicht erfüllt.»
Dabei geht es weniger um beispielsweise ein Auto, das das Kind unbedingt haben will (das ist ein Wunsch oder eine Lust, die vollkommen in Ordnung sind), sondern um das «Gesehenwerden», als eigenständiger, autonomer Mensch mit individuellen Vorstellungen und Wünschen.
Gleichzeitig kann es auch sein, dass das Kind in solchen Fällen Nähe und Kontakt sucht und zwar nicht in Form von Kuscheln. Sondern es will erfahren, wie die Mutter zu dem Autowunsch steht, einerseits um sich abgrenzen zu können und andererseits zu erfahren: «Wie sorgt sie für sich und ihre Werte?» Das bedeutet: Das Kind sucht einen erwachsenen «Sparringspartner» in der Mutter.
Wut als Zeichen von Überreizung, Spannung, aber auch Sicherheit
Auch kann die Wut eine Form des Umgangs mit Überreizung und Spannung sein. Das Kind war den ganzen Tag in der Kita, hat sich angepasst, an Regeln gehalten, ist mit verschiedenen Frustrationen irgendwie klargekommen und rastet beim Abholen aus der Kita aus, weil der Vater statt einer Brezel nur einen Apfel mitgebracht hat. Die Brezel ist dabei nicht der Grund des Ausrastens, sondern der willkommene Anlass, um die Spannung, die sich den ganzen Tag angesammelt hat, bei der vertrauten Bezugsperson loszuwerden und abzubauen.
Ein anderes Phänomen, das viele Eltern beschäftigt: «Warum treten die extremen Wutanfälle vorwiegend bei den Eltern auf, während die Großeltern immer wieder begeistert berichten, wie <brav> die Kinder bei ihnen waren?» Liebe Eltern, nehmen Sie einen solchen Wutausbruch als Kompliment! Nur, wo sich Kinder ganz sicher fühlen, «lassen sie alles raus», zeigen sich mit allem, was sie haben, wie es ihnen geht. Auch wir als Erwachsene streiten oft nur mit Menschen, die uns wirklich wichtig sind oder lassen die Gefühle bei den engsten Vertrauten fließen.
Wut ist für Kinder auch ein Entwicklungsimpuls: um den eigenen Willen, die Durchsetzungskraft, Ideen und selbstgesteckte Ziele eigenständig zu erreichen – Autonomieentwicklung. In der Wut zeigt sich die Energie und Kraft, die dazu gebraucht wird, um seinen eigenen Weg zu entwickeln und zu gehen. Die Wut der Kinder ist also viel mehr als nur ein für die Erwachsenen anstrengendes Gefühl.
Welche Haltung, welcher Umgang mit der Wut ist hilfreich?
Heute wissen viele, dass Gefühle zu spüren und dann auszudrücken notwendig und wichtig für eine gesunde Entwicklung sind. Auch nach dem Motto: «Alle Gefühle sind erlaubt.» Heißt das nun, ich müsste mich von meinem Kind schlagen lassen, wenn es wütend ist oder aushalten, dass Spielsachen gegen die Türe geworfen werden, so dass sie anschließend von Macken übersät ist?
Nein! Gefühle sind erlaubt und dürfen da sein, aber nicht jede Handlung!!! Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Das Kind bekommt durch die Handlungsbegrenzung von den Erwachsenen die Rückmeldung: Du bist okay mit deiner Wut, aber du darfst nicht alles machen! «Ich sehe, dass du ganz viel Wut in dir hast, ich lasse mich nicht von Dir schlagen und halte deine Hände fest.»
Es geht dabei nicht darum, das Kind zu trösten oder ihm eine Alternative für etwas anzubieten (z.B. den roten Eimer, obwohl es den grünen haben wollte), es abzulenken («schau da fährt ein Bagger») oder ihm mit vielen Worten zu erklären, warum es gerade wütend ist. Wichtig ist einzig und allein die Akzeptanz der Wut, die einfach nur da sein darf («Du hast viel Wut in Dir») – mehr braucht es nicht: keine Lösung, keine Vorschläge, keine guten Ratschläge.
Das Kind bekommt dadurch die Rückmeldung: Ich akzeptiere dich so, wie du bist – mit der Wut, die in dir ist – und halte das mit dir aus. Dies gelingt nicht, indem ich nur die «richtigen» Worte spreche, sondern die Haltung muss in Übereinstimmung mit meinen Worten sein. Kinder haben ein sehr sicheres Gespür dafür, ob wir eine Methode anwenden oder es wirklich ernst meinen. Wichtig ist auch, nicht zu viel auf Kinder einzureden, weil bei Wutanfällen niemand zuhören kann oder überhaupt zugänglich ist für Erklärungen und Worte.
Der Umgang und die Regulierung von Gefühlen ist ein lebenslanger Prozess, bei dem Kinder ganz am Anfang stehen. In den ersten Lebensjahren können sie ihre Gefühle nur ganz direkt und unmittelbar ausdrücken – und das ist gut so, denn so haben sie sich ihr Überleben gesichert. Erst nach und nach erweitert sich ihr Handlungsspektrum. Deswegen ist es wichtig, dass wir ihnen Worte geben, wie «Du hast viel Wut in Dir», die ihnen helfen einzuordnen, was gerade mit ihnen vorgeht.
Die Erwachsenen in ihrer Gefühlswelt
Wir sind gefragt als liebevolle Begleitung, die da ist, Sicherheit bietet und die Ruhe bewahrt: «Ich bleibe da», «ich halte das mit dir aus.»
Das ist jedoch nur möglich, wenn die Erwachsenen selbst in Ruhe und mit sich selbst verbunden sind, was manchmal schwierig sein kann. Oft lösen Wutanfälle der Kinder bei Erwachsenen die Erinnerung an selbst unterdrückte Wut, Glaubenssätze und Erziehungsmethoden aus der eigenen Kindheit aus, bei denen Wut nicht erlaubt war und man als Kind funktionieren musste. «Jetzt rege dich doch nicht so auf», «ist doch alles nicht so schlimm», «nicht schon wieder», «jetzt sei doch endlich leise», «das hätte ich mir nie erlaubt.» Dies kann dazu führen, dass der alte Schmerz und die damalige Wut auf das heutige Kind übertragen werden. Hilfreich kann es deshalb sein, sich mit seiner eigenen Wut und den eigenen Kindheitserfahrungen auseinanderzusetzen, um in diesen Situationen im Hier und Jetzt bleiben zu können. Nur im guten Kontakt zu sich selbst, der Eigenwahrnehmung «Was löst die Wut meines Kindes bei mir aus?», kann ich ein sicherer Pol für das Kind sein.
Durch meine Selbstregulation, z.B. tiefes Durchatmen, die Wahrnehmung eigener Gefühle, sich selbst abklopfen, in die Körperwahrnehmung gehen, sich fest mit dem Boden verankern und einen guten Halt suchen, biete ich dem Kind einen sicheren Halt. So kann das Kind die Regulierung der Erwachsenen als Vorbild erleben und lernt selbst nach und nach diese oder eigene Strategien für den Umgang mit seinen Gefühlen.
Wenn es Eltern nicht immer gelingt, in die innere Ruhe zu kommen und dann eben doch einmal selbst schreien, «ich bin stinkesauer»: Damit kommt ein Kind auch klar! Es erlebt: Meine Eltern sind menschlich und auch ihnen fällt es manchmal nicht leicht, mit ihrer Wut zurecht zu kommen.
Schwierig wird es in dem Moment, in dem die Erwachsenen das Kind beschuldigen: «Du nervst mich total, nie kannst du was richtig machen» und dabei bleiben. Wenn Eltern sich danach entschuldigen und ihren «Fehler» zugeben, lernt das Kind eine Fehlerfreundlichkeit – und dass niemand perfekt sein muss.
Wichtig ist, sich jeden Tag neu auf Kinder mit ihren Gefühlsstürmen und auf sich selbst einzulassen, das Zusammenleben als einen gemeinsamen Entwicklungs- und Lernweg zu entdecken und die «Erfolge» von den Kindern und sich selbst wahrzunehmen.
Wut ist ein starkes Gefühl, das viel voranbringen und ermöglichen kann.
Zur Autorin: Birgit Ertl ist Diplom-Pädagogin und betreibt eine eigene Praxis für Menschlichkeit in Erziehung und Beziehung (www.beziehungs-garten.de) in Stuttgart. Sie berät Eltern, Großeltern und Fachkräfte in Kitas und bietet Spielraum-Kurse, Seminare und Coachings an. Ihr Buch Beziehung statt Erziehung – Wie Kinder und Eltern aneinander wachsen ist 2022 erschienen.
Hinweis: Der Artikel ist in der Sommerausgabe (02/2026) der Zeitschrift »Erziehungskunst frühe Kindheit« erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.