Präambel zur Satzung

Waldorfpädagogik

Die Erziehung ist auf dem Hintergrund der materialistischen Zeitströmungen fragwürdig geworden. Die Rettung der Kindheit, dieser grundlegenden Lebensstufe der Biographie, wurde weltweit zur Pionieraufgabe.

Die Waldorfpädagogik setzt zur Gestaltung dieser Aufgabe eine Erziehergesinnung voraus, die im Kinde die volle Menschenwürde achtet, und deshalb die ewige geistige Individualität, das seelische Leben und die Körper-Leiblichkeit unterscheidet. Eigengesetzlichkeit und gesunde Entwicklungsbedingungen von Leib, Seele und Geist verlangen eine entsprechende Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. Die Erzieher müssen Eltern und Miterzieher der Kinder einbeziehen und das heißt, gemeinsam mit ihnen an der Erneuerung der drei Kulturideale arbeiten, die Rudolf Steiner nannte "lebendig werdende Wissenschaft, lebendig werdende Kunst, lebendig werdende Religion". Ein harmonisches Ineinanderwirken dieser Ideale im Lebensraum der Kinder stärkt den Willen für neue Sittlichkeit und soziale Gemeinschaftsbildung.

Die beschriebene Erziehergesinnung und den ganzen Menschen erfassende Menschenkunde erwecken Liebekräfte im Erzieher und steigern seine Gestaltungskraft und Phantasiefähigkeit. Stellt sich die tägliche Erzieherarbeit liebevoll und schöpferisch in die gegenwärtigen Zeitverhältnisse und individuellen Schicksalsgegebenheiten hinein, kann sie nicht zu einem Programm mit Regeln und Verboten verhärten, sie wird zu einer ständig geistesgegenwärtig neu zu gestaltenden Kunst im Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen. Waldorfpädagogik ist sich entwickelnde, lebendig erübte Erziehungskunst.

Die Pädagogische Bewegung

Die geistige Bewegung der Waldorfpädagogik hat von einer Schule mit einem Kindergarten und einer Gruppe seelenpflegebedürftiger Kinder ihren Ausgang genommen: Schulbewegung, Kindergartenbewegung, heilpädagogische Bewegung und vielfältige Einrichtungen, die zwischen diesen Richtungen ihre notwendigen Aufgaben ergriffen haben, sind entstanden.

Nicht nur die Waldorfpädagogik und Erziehungskunst verbindet alle Einrichtungen, sondern auch die Tatsache, daß die erste Waldorfschule ein Beispiel für eine Einrichtung des Freien Geisteslebens war. Nie darf die gesamte Pädagogische Bewegung vergessen, daß sie in diesem Sinne nicht nur Pionier in den Erziehungsfragen ist, sondern auch auf dem umfassenden Gebiet der sozialen Erneuerungsbewegung "Dreigliederung des sozialen Organismus".

Daher verbindet sie auch über alle Staats-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg der gemeinsame Kulturauftrag. Die Grundlage der Pädagogischen Bewegung ist die anthroposophische Geisteswissenschaft Rudolf Steiners.

Zusammenarbeit: Quell der Gemeinschaftsbildung und lebendiger Zukunftsentwicklung

Rudolf Steiner bezeichnete Zusammenarbeit als die Verwirklichung der Gnade desjenigen, der sagte: "Ich bin bei euch alle Tage" und "Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen". - Er wirkt als der Lehrer der Menschenliebe.

In der Internationalen Vereinigung schließen sich alle der Waldorfpädagogik zustrebenden Einrichtungen zusammen, die geistig, rechtlich und wirtschaftlich der Erziehung von Kindern dienen sowie der Ausbildung von Erziehern und der Zusammenarbeit mit den Eltern und dem allgemeinen gesellschaftlichen Leben.

Die Fruchtbarkeit der weltweiten Zusammenarbeit über alle sprachlichen, politischen und religiösen Grenzen hinweg ist eine bewährte Erfahrung. Das betrifft vor allem den Austausch über neue Entwicklungen und Forschungsaufträge an internationale Gruppierungen.

Das im gemeinsamen Ziel und Streben begründete Vertrauen und die auf allen Gebieten des sozialen Lebens verwirklichte Zusammenarbeit ist das hohe Gut der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten, das erhalten, geschützt und gepflegt werden soll durch die Arbeitsweisen, die in der folgenden Satzung beschrieben sind.

Die Beschreibung der rechtlichen Seite dieser Zusammenarbeit in der Satzung wird sich immer wieder neu dem Leben und den sich lebendig entwickelnden Arbeitsweisen anpassen müssen.

Dr. Helmut von Kügelgen